u. wcltl. Moral, u. d. Kritik. — Christl. Dicht, nach Klopstock. 137
selbständig gesunden, tragen aber einen Ton, der die Lektüre der altenEklogen, des Geßner, des Siegwart, des Norick und Ossian verrätst.Uebcrall geben sie die elegische Stimmung des Dichters im sanften Ab-druck wieder, und dies ist ihre naive und natürliche Seite. Aber derGeschmack der Zeit erlaubte ihm nicht, kräftiger das nahe Leben zuergreifen, die Kluft zwischen ihm und der Dichtung nicht so groß zumachen, und so kam eS, daß er zuletzt selbst fühlte, wie die Idylle schwer-lich mehr eine Lieblingölektüre des Volks werden könnte, und daß erunbewußt in der wirklichen Abschilderung seines Lebens viel schönereIdyllen eingeflochten hat, als in seiner Sammlung stehen.
Wenn man sagen kann, daß Bodmcr die leere Form, Geßner dieempfindsame Weichheit und die idyllische Schilderei der klopstock'schenPoesie ans die Spitze trieb, so that dies Joh. Kaspar Lavater (1741—1801) in Bezug ans ihren christlichen Gehalt. Wir kommen später aufdiesen merkwürdigen Mann zurück, an dieser Stelle heben wir blos seinePoesien hervor, die sich ohnehin von seinen übrigen Schriften, die ihnfür unsere Bildung bedeutend gemacht haben, ganz ablösen, und dieuns am besten zeigen, wie die geistliche Poesie bald in sich selbst zerfallenmußte, in einer Zeit, wo der Neligionsglaubc sich ansing in Fanatis-mus und Gleichgültigkeit zu theilen, wo Wieland und Lavater gleich-mäßig ans Einer Schule hervorgehen konnten. Lavatcr'S Studienzeitfiel in die Periode, wo Klopstock's Messias und Rousseau's FreiheitS-ideen in der Schweiz die Stimmungen der Jugend beherrschten und reli-giöse und patriotische Hochgefühle nährten, die in Zürich besonders durchBodmer und Breitinger unterhalten wurden. Auch in Lavater ist daher,wie in Klopstock, anfangs diese Doppelscite vaterländischer und christ-licher Interessen zu bemerken. Sein Name ward zuerst laut, als er mitHeinrich Füßli den Landvogt Grcbel in Gröningen Erpressungs halberangriff. Der junge, feurige Geist, der zu diesem Sturme antrieb, istganz derselbe, der Klopstock's freiere Oden eingab, der sich in Lavater'SSchwcizerliedern Luft machte, der von der Schweiz ans die gedrücktenschwäbischen Schriftsteller ergriff, weil er in der schweizer Jugend, unter-stützt von der Freundschaftsschwärmerei jener Tage zu einer kräftigenBlüte kam. In Schinznach versammelte sich seit 1762 eine patriotischeGesellschaft von Jünglingen, unter denen wir außer Lavater und Geßnerauch Zimmermann, Hirzel, Jsclin und viele andere wohlbekannte Na-men finden. Ihnen allen war jenes klopstock'sche Selbstgefühl, jenerStolz auf einen Seelenadel neben der Verachtung des gemeinen Gc-bnrtöadels, jenes schwärmerische Wohlgefallen an Idealen einer Men-