156 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Diese Halbheit erstreckt sich bis auf die Sprache, die zwischen Prosa undPoesie schwankt. Besser haben daher die gethan, die hier zwischen Idea-lität und Individualität eine entschiedene Wahl getroffen, wie Voß."Bei diesem nehmen wir daher diese Bemerkungen wieder ans. Es mußtedurchaus erst eine kräftigere Haltung in die deutsche Literatur kommen,ehe die reine Naivetät, der einfachere Ton und die heimathliche Farbefür die Idylle wieder gefunden ward. Dies lernt man am besten vondem einzigen Schüler Geßners, der einer Erwähnung werth ist, ans denFischeridyllen von Franz Taver Bronner (1758 ans Hochstädt), demSenior unsrer Literatur, der noch in Aarau in ehrwürdigem Alter lebt.Seine Idyllen sind aus wirklichen Naturzuständen entlehnt, tragen aller-em völlig ideales Gewand; der Dichter selbst ist ein naiver, ungekün-stelter Mensch, aber seine Bildung nicht. Bronner stammt nämlich auseiner Bauernfamilie, und ward in seiner Jugend zum Kloster halb be-stimmt halb gezwungen. Er selbst hat sein Leben (1795) beschrieben,in einem trotz seiner Breite sehr fesselnden Buche, das alle gedichtetenKlosterromane so weit übertrifft, wie im 17. Jahrh. der Simplirissimusalle piearischen Romane, oder wie Stilling's Jugendleben alle unsreNachahmungen des Uorick. Bronner machte die Schule der Jesuiten,das Kloster der Benediktiner, die seinen Ränke der Pfaffen, die Thor-heiten der Jllnminaten und Freimaurer, der Jesuiten und Rosenkrcuzerdurch, und läßt in all dieses Treiben und in den Zustand der katholischenLänder Süddeutschlands auf eine treffliche Weise Hineinblicken, da seineganze Erzählung ruhig und schonend ist, ja da er selbst von dieser Schuleund diesen Verhältnissen angesteckt erscheint, wiewohl er dies weiß undin naiver Denkart gesteht. Er riß sich ans eigner Kraft, angesteckt vondem Bildungstriebe der Nation, aus den Beengungen des katholischenReligionsglaubens los, und floh aus dem Kloster in die Schweiz, aberer war zu kräftigem Handeln unfähig geworden, eine rein idyllische Na-tur selbst. Er hatte im Kloster seit 1777 Fischeridyllen gedichtet, da eraus „seiner Höhle, wo Murmelthiere und Dachse schnarchten", aus einer-engen Spalte nichts vor sich hatte als das Fischerdorf Ried bei Donau-werth; tausend kleine Anlässe liegen seinen Bildchen zu Grunde, die «ber-gan; luftig und schwebend geriethen, und daher Geßnern sehr gefielen,der sich des geflohenen Dichters annahm und seine ersten Fischeridyllen(1786) herausgab. Es sind nicht etwa die Schäferlichkeiten blos demFischerleben untergeschoben, wie es Bronner in den gisoatorüs deö Je-suiten Gianettasius (1685) fand, sondern die sehr einfachen, oft gar zukleinen und unbedeutenden Schilvereien, Situationen und Gemälde sind