Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
155
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u. wcltl. Moral, u. d. Kritik. Christl. Dicht, nach Klopstock. 155

geben wäre, obwohl die Schwierigkeiten sehr groß sind. Niemand hatdarüber schöner gesprochen als Schiller, bei dem es so charakteristisch ist,daß er lieber zu Haller's Gunsten etwas sagt, als zu Geßner'ö, den da-gegen Göthe in seiner Jugend neben Kleist auf Einer Linie mit Klopstockdem Geliert und Aehnlichen entgegengesetzt. Jedes Wort, was Schillerüber diesen Gegenstand gesagt hat, ist klassisch.Der Zweck der Idylleist, den Menschen im Stande der Unschuld, des Friedens mit sich undvon außen darzustellcn. Das natürlichste Mittel dazu schien fast immerdie Schäferwelt, eine Stelle vor aller Kultur. Es gibt aber auch eiueusolchen Zustand am Ziele aller Kultur, die Idee davon und der Glaubedaran versöhnt uns allein mit allen Uebeln der Kultur. DasDichtungS-vermögcu bringt diese Ideen zur sinnlichen Anschauung, und will sie ver-wirklichen, da cs die Erfahrung nicht thut. Die Idylle, die also einensolchen Naturzustand schildert, schließt aber, vor den Anfang aller Kulturgepflanzt, mit den Nnchtheilen zugleich alle Vorthcile derselben aus, siestellt das Ziel hinter uns, zu dem sie uns hinführen soll und kann unsdaher blos das traurige Gefühl eines Verlustes, nicht das fröhliche einerHoffnung einflößen. Weil sie nur durch Aufhebung aller Kunst undVereinfachung der menschlichen Natur ihren Zweck aussührt, so hat siebei dem höchsten Gehalt für das Herz zu wenig für den Geist, und ihreinförmiger Kreis ist schnell geendigt. Sie kann nur dem ruhebedürf-tigen kranken Gcmüthe Heilung, dem gesunden keine Nahrung geben,sie kann nicht beleben, nur besänftigen. Keine Kunst der Poeten hatdiesem Mangel abhelfen können, der in der Gattung gegründet ist. Beiden Liebhabern derselben ist es nicht ihr Geschmack, der urtheilt, sonderndas individuelle Bcdürfuiß; ihr Urtheil ist also nicht von Belang. We-niger gilt dies von der naiven Idylle als von der sentimentalen. Jenerkann eS nie an Gehalt fehlen, da er hier in der Form selbst enthalten ist.Der naive Dichter stellt seinen Gegenstand mit all seinen Grenzen indi-vidualisirt dar, er verfehlt seinen Gehalt nicht, wenn er sich nur an dieNatur hält; der sentimentale, der seinen Gegenstand idealisirt und allenGrenzen entrückt, sollte daher nicht dem naiven seine Gegenstände ab-borgcn, welche an und für sich gleichgültig sind, und nur durch die Be-handlung poetisch werden. So haben unsre sentimentalen Schäferdichlerein Ideal ansgeführt, und doch die dürftige Hirtenwelt beibehalten; siesind gerade so weit ideal, daß die Darstellung dadurch an individualerWahrheit verliert, und so weit individuell, daß der ideale Gehalt darunterleidet. Ein Geßner'scher Hirt kann uns nicht als Natur entzücken, dazuist er ein zu ideales Wesen und zum Ideal ein zu dürftiges Geschöpf.