Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
154
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154 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

Wieland gegen Klopstock, eben so macht die bequeme Sinnesart gegenHaller's Ernst, und die ganze friedliche Gattung gegen Haller's oft herbeSatire den schneidendsten Kontrast. Nirgends stoßen wir ans ein kräf-tiges Moment, wie nahe wir eS oft liegen sehen. In dem ersten Schiffersollte man denken Matrosencharakter und Korsarenblnt zu treffen, aberwir finden weder große innere Entwürfe, noch unbestimmten Drang,noch materiellen Zwang, der vie Schifffahrt erfindet, sondern Amor zet-telt eine Liebschaft an, indem er ein getrenntes Paar einander in Traum-bildern bekannt und dann den Steuermann macht! So lag es so nah,daß Geßner, gerade nach Haller's Vorgang auf Schweizerznstände gekom-men, auf heimathlichem Boden geblieben wäre, wie Voß, Usteri, Hebel,und der Maler Müller, ja daß er sich der Volkssprache bedient hätte, diebei diesen und im Theokrit, und für spanische Leser in den portugiesischenSchäfergedichten so heimlich anspricht. Denn wenn wir uns einmal fürein so bescheidenes Stillleben, solche ruhige Zustände interesstreu sollen,so seien es wenigstens häusliche, zu denen wir den ähnlichen Zug fühlen,wie zu unfern Jugenderinnerungen. Warum hat nie ein Jdyllendichtersich diese zum Gegenstände genommen? Denn die Kindheit ist das wahregoldne Zeitalter des Menschen, und wenn wir den gereiften, den gewor-denen und vollendeten Menschen von den kleinen Keimen selbst erzählenhörten, und von den Zuständen, aus denen sein Charakter und seineHandlungen geworden sind, so würden wir jenen wunden Fleck vermeiden,an dem fast jeder Jdyllendichter leidet, daß er uns nämlich parteiischerscheint gegen das Leben der Stadt und das Treiben der Welt und dieLeidenschaften der Menschen, die er uns nicht zeigt, die er nicht kennt,die er nicht aus Erfahrung sowohl, als aus einem empfindsamen Hangzum Pflanzenleben und zum moralischen Quietismus zu verwerfen scheint.Wie anders, wenn der im Leben Geprüfte und Bestandene im Geiste zujenem Frieden seiner Kindheit zurückkehrt, oder wenn man uns z. B.zeigte, wie die in der Welt gescheiterten Napoleon und Karl die Einsam-keit der Insel und der Zelle empfängt. Die Reize der Nobinsonade liegeneben hier, die einzigen Idyllen, die eine populäre Verbreitung gefundenhaben: sie liegen an der Grenze von Handlung und Zustand, von Eposund Idylle, und es ist bezeichnend genug, daß sie in diesen Zeiten deswiederbelebten Idylls sich ansbreiteten, und daß Geßner schon auf derSchule über Robinsonaden brütete^). So ließen sich vielleicht doch nochWendungen finden, mit denen der Idylle selbst ein tieferes Interesse zu

75) Vgl. Bronner'S Schriften 1794» I. g. 241,