150 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
allein BrockeS, den er hoch verehrt, den er als einen unbillig Vergessenenempfiehlt und mit dem er in sehr naher Verwandtschaft steht, hat in ihmden Sinn genährt, die Natur für seine poetischen Gemälde zu studiren,nicht allein Dodmer, dessen treuer Schüler und Verehrer Geßner ist, hatdiesen Sinn mit seiner Lehre von der poetischen Malerei geschärft, son-dern auch Klopstock wirkte hinzu, der in dergleichen Naturmalereien starkwar, den in seiner Jugend schon die gewaltigen Vorstellungen aus derleblosen Natur in Hiob und den Propheten entzückten, eben jene Stellen,die wir in aller Urdichtung des Volks schon frühe als die ersten Acnße-ruugen der poetischen Kraft bezeichnten, und auf die ein Dichter noth-wendig verfallen mußte, der zu aller Natur- und Jugenddichtung so sehrhinucigte. Und was mehr als Alles ist: er war selbst Maler und zwarLandschaftsmaler; er stand mit den Künstlern (Füßli u. A.) in Verbin-dung, die damals auch der Malerei in der Schweiz ein neues Leben ga-ben, er sah ganz nach der Lehre Brcitingers bei dem „großen Thomson"Gemälde, die ihm aus den besten Werken der größten Maler genommenschienen, und so hat Meißner gefunden, daß Geßner'S Landschaftsstückein Erfindung, Komposition, Zeichnung und Farbgebung seinen Gedichtendurchaus ähnlich seien ^). Dies ist so wenig zufällig, wie daß auch derMaler Müller und Nsteri Idyllen machten, oder daß der große Flor derschäfcrlichen Dichtung in Italien und Spanien gleichzeitig mit dem Florder Malerei fiel, oder daß man diese ganze Gattung Idyllen, wie Geßnereinmal sagt, Bilderchen nennt. Denn es gibt keinen andern Namenfür diesen eigentlichen Vertreter der malerischen Poesie, da er so einzigerschöpfend ist, wie alle griechischen Benennungen sind, wie Lyra für diemusikalische gesungene Poesie, EpoS für die erzählende, Drama für diedarstellende. Hier nun scheint Geßner dem musikalischen Klopstock gcgen-überzuliegen. Aber nur darum, weil Er sich einen Bestandtheil klopstock'-scher Poesie so vorzugsweise herauswählte, wie Ramlcr z. B. eineandere, die Ode, Lavater die Prophetie, die Barden eine vierte, undAndere Anderes. Wenn man sich nämlich zwingen wollte, so könnteman sagen, Klopstock sei jener Dichter, den wir oben vermißt haben, derdie Bestandtheile der Allegorie in sich verbände, wenn nicht in EinemGedichte so doch in seinen Werken. Unter diesen Bestandtheilen ist aberdie Idylle, oder wir wollen lieber sagen die Schäferpoesie keine der ge-
73) Geßner hat noch selbst eine Prachtausgabe seiner Werke in 2 Bdn. 4. be-sorgt, die mit vielen Kupferstichen und Vignetten von seiner eigenen Radirnadel begleitetsind. Diese Ausgabe ist neuerlich wieder hervorgesucht, und bei dieser Gelegenheit eineSammlung aller Nadirungen Geßner'S in 2 Bdn. Fol. ausgeboten worden.