und weltlichen Moral, und der Kritik. — Klopstock. 131
fahrens in den Ton des Werkes hinein. Dabei ist es eigen, daß Milton,der sich weniger vertrante nnd zweifelte, ob nicht sein späteres Zeitalter,oder der nordische Himmel oder seine hohen Jahre seinen Flug drückenwürden, der sogar die Schwäche der rechtgläubigen Muse, die umsonstdie göttlichen Muster nachznahmen strebt, sich nicht verhehlte, daß geradeEr so kühn und stark in Empfindungen nnd Phantasien war, währendKlopstock, der voll Selbstgefühl begann, zögernd dichtete, furchtsamerfand und zu große Kühnheit scheute. Beide aber waren von ihremStoffe ganz erfüllt, und erwarteten von ihm, was ihre Dichterkraft nichtleisten würde. Und sie haben sich nicht betrogen. Der Eine blieb an-fangs vergessen, und machte erst später seine großen Wirkungen, der An-dere machte diese gleich und ward nachher vergessen; bei Beiden aber-kannten die Gedichte, wenn sie wirklich so viele Gebrechen hatten, wiewir am Messias zu finden meinen, kaum ihren Ruhm als Kunstwerke ansich begründen, und um so minder, da der Geist der Zeit Beiden nichtunbedingt huldigte, da dem Einen Shaftesbury, dem Andern Wielandentgegenstaud, die Beide unter sich genau in demselben Verhältniß lie-gen, wie Milton und Klopstock.
Diese Wirkungen aber , die sich gewiß in jenen Zeiten auf Vieleerstreckten, welche den Messias weder ganz lasen noch verstanden, die einegewisse epidemische Austeckungskraft zeigten, erklären sich vollkommenaus de» Ideen, auf denen diese Gedichte ruhten und die auch den Mas-sen geläufig waren, welchen die darauf gebaute Dichtung nicht zugäng-lich war. 'Wir haben ein Dichtungswerk vor uns, das auf dem Geistevon Jahrhunderten steht, das mit verborgneren Fäden an die Geschichteder christlichen Bildung und Literatur seit einem Jahrtausend her auge-knüpft ist, ein Werk wie wir es seit den ritterlichen Epen, d. h. seitfünfhundert Jahren nicht wieder in Deutschland gesehen hatten. Diesegroßen Verhältnisse geben einem literarischen Werke ästhetisch keinen Zu-schuß von Werth, historisch aber einen ungeheueren, der zwar in denBeurtheilungcn der Schöngeister übersehen, aber in der Schätzung derVölker und in der dunkeln Stimme der Zeiten angeschlagen wird. Diesmuß es erklären, warum Klopstock unter uns unstreitig bei den Einzel-nen weniger gekannt ist, als vielleicht irgend einer auch der viel geringe-ren Dichter jener Zeiten, aber im Allgemeinen auch ungekanut sich inAchtung und Würde erhält. Ucbcrdenken wir also, um uns diesen histo-rischen Werth zu verdeutlichen und die dunkle Vorliebe für dieses Werkzu verstehen, daß eine christliche Poesie unter uns seit tausend Jahrenbestand. Die ersten poetischen Schöpfungen von einigem Umfang, die