132 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
nnS übrig geblieben, sind jene Evangelienharmvnicn deö Otfried undeines unbekannten Niederdeutschen, die poetisch geschmückten Erzählungenans dem neuen Testamente, neben denen andere aus dem alten Testa-mente hergingen. Hierauf folgten, als der biblische Stoff zu enge ward,die gereimten Hciligenlegenden, die immer mehr den epischen Theilder religiösen Ueberliefcrnng erweiterten. Als diese Erweiterung ihrEnde erreicht hatte, ging man von der historischen Ueberlicferung zurmoralisch didaktischen über, cs kam jener Freidank und Nenner undwie die ähnlichen Werke heißen, in denen zu den Lehren deö Evange-liums gerade so die der Kirchenväter treten, wie in den Erzählungen dieder Legenden zu denen der Bibel. DaS Gcoffenbartc in der Religionward also eben so poetisch behandelt, wie das Offenbarende. Allein auchder allegorisch-dogmatische Theil sollte, nachdem dies Beidesvollendet war, hercingczogen werden; man suchte jene prophetischenVorzeichen deö Messias im alten Testamente ans; wie der Held desEvangeliums dort seine Vorvcrkündnng hatte und seine Eeschlechts-ahnen, so sollte jede Begebenheit desselben auch dort ihr Vorbild haben,man verglich Beides und erzählte und moralisirtc über Beides erst inProsa, dann im Schauspiel, in den Mysterien. So wie man hierden Hanptgegensatz von Christus in David, dem epischen Helden imProphetisch-Lyrischen, gefunden hatte, war der Ucbergang zur lyri-schen christlichen Poesie nothwendig, und daher füllten die Psalmen inmehr als hundert Bearbeitungen die zweihundert Jahre ans, die ver-flossen, seitdem sie anfingen die mystischen Religionspoesten zu verdrän-gen. Hier haben wir die ganze Geschichte unserer Poesie in einer Nuß,denn die weltliche läßt sich in einer bis ins kleinste entsprechenden Paral-lele daneben stellen. Wir sehen die Uebergängc deö Epischen ins Didak-tische, des Didaktischen ins Allegorische, des Allegorischen inö Lyrische,neben dem sich zugleich die dramatische Form schüchtern anfing zu bilden.Seitdem die epische Form verloren und so lange die dramatische Formnur geahnt und nicht gesunden war, steht in der Mitte jener Zwitter-gattungen des Didaktischen und Lyrischen die Allegorie als eine Misch-gattung, die alle Eigenschaften des Didaktischen und Lyrischen, und Alleswas damit znsammenhängt, Idylle, Satire und Elegie, das Malerischeund Musikalische, in sich vereinigt, und die über diese Nebengattung wegeine einzige ungeheure Brücke bildet, zwischen EpoS und Drama, unddaher auch, an ihren Grenzen besonders, selbst epische und dramatischeElemente, Erzählung und Dialog, in sich anfnimmt. Es ist die große,gestaltlose Gattung, die in ganz Europa über den Zeiten herrscht, wo