Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
130
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130 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

sich nothwendig; es ist nicht Versöhnung ohne Fall denkbar. Im Ganzengefaßt liegen sich übrigens die zwei Gedichte ganz verschieden einandergegenüber, eben wie ihre Aufgaben Gegensätze sind, oder wie sich altesund neues Testament entsprechen und widersprechen. In Folge dergrößeren Freiheit, die sich auch nach Klopstock's Grundsätzen, der Dichteralttestamentlichcr Gegenstände nehmen durfte, wurde das Gedicht Mil-ton's durchweg freier und plastischer und hat mehr Verhalt zur Malerei.Winkelmann verglich Milton's Beschreibungen mit schön gemalten Gor-gonen, die sich ähnlich unv gleich fürchterlich sind; Lessing wollte ihn im2. Thcil des Laokoon brauchen wie Homer im ersten, um aus ihm seinedortigen Behauptungen zu unterstützen. Diesen plastischen Charakterunterstützt die Schule des Virgil, die man Milton ansieht. Erhabenheitdes Handelns begegnet unö bei ihm, bei Klopstock aber der Gesinnungund Empfindung. Alles ist männlich groß bei dein Engländer, wasweiblich sanft bei dem Deutschen ist, hart und tragisch, was hier weichund versöhnend, wie cs dem Stoffe gemäß ist. Bei Milton ist Allesverkörperter und menschlicher, es fehlt nicht an Triebfedern in jenen pa-radiesischen Zuständen, wo noch wenig Pragmatismus anznwcndcn war,sein Adam ist sogar ein Grübler; aber der Messias ist ein leidenschaft-loser Gott; nichts, was auch die Menschen bei Klopstock handeln, istmotivirt. Dagegen wendet Klopstock wohl eher einen himmlischen Prag-matismus an, den wir ihm gerne erlassen hätten: als sich die Sonneverfinstern soll, wird von Uriel ein Stern befehligt, sich vor sie zu stellen.Bei Milton ist das Uebermaß der Erhabenheit oft zum Bombast, zurKarrikatnr und verzerrten Größe geworden, bei Klopstock ist cs insKleinliche hcrabgesunken. Christus flößt mit demselben Blicke, mit demer ein sterbendes Würmchen erhält, dem Satan Entsetzen ein! Mitgöttlicher Ruhe, wie wenn er dem Wurme zu sterben geböte, sagt er denHäschern: Ich bins! So soll bei ihm in jeder kleinen Bewegung etwasBedeutendes, wie in jenem tiefsinnigen Schweigen die erhabenste Poesieliegen. Milton's Gedicht ist durch Lehrhaftes vielfach entstellt, Klop-stock's durch Empfindsamkeit. Die Phantasie trägt in beiden wenig da-von, bei Milton mehr, und, was man nicht glauben sollte, sogar dasHerz. Beide Dichter haben lange gewählt; beide hatten zuerst weltlicheStoffe, Milton den Arthur, Klopstock Heinrich den Vogler vor Augen,ehe sie auf ihre kirchlichen Wecke fielen; Milton begann das seine spätund endete rasch, daher steht sein Gedicht abgeschlossen und in einer freu-digen Festigkeit; Klopstock fing früh an und vollendete spät, und zogseine Krankheit und seinen Trübsinn mit aller Langwierigkeit seines Ver-