Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
129
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und weltlichen Moral, und der Kritik. Klopstock. 129

die weitere Plage gedoppelter Reden. Wenn hier Philo zu reden undNikodemus geredet hat, so flüstert ein Teufel vorher, oder betrachtet einGenius nachher das Geredete in neuen Reden. Wo Jscharioth stirbt,hält zuerst Er einen Monolog, dann sein Genius und der Todesengeleinen Dialog, hierauf redet noch des Abgeschiedenen Seele! Nicht alleinalles erdenkliche Redbare wird geredet, sondern auch das Unnennbareund Unaussprechliche wird wenigstens beredet. Die tausendmal tausendHerrlichkeiten, vor denen die Seraphim stille beten, die schweigendenReden des Erlösers mit Gott, die kein Erschaffner versteht, die Gedankender Engel und so vieles Überschwengliche, das ihm verborgen bleibt,werden doch immer und immer wieder wie ein eitles Schaugericht vor-getragcn. Tausend Gedanken, die ihm die Siouitin, seine Muse, sagte,erflog sein Geist nicht, zu tausenden fehlt ihm Stimme, und tausendmaltausend verbarg sie dem Hörer. In der That, sie hat ihn karg gehalten,denn es kommen von den tausendmal tausend Gedanken immer nur ganzwenige zu Tage, und diese sind dann immer schon tausendmal in einigenVariationen dagewescn. So werden wir denn stufenweise zu dem Ver-stummen des erhabenen Erstaunens geleitet und dann wieder durch eindithyrambisches Forte aufgeschreckt. Wir haben eben ein unendlich ermü-dendes Oratorium vor uns, das marternde Unisono einer rauschendenMusik, in dem man jede Minute ans einen Ruhepunkt wartet, aber im-mer wieder in dasselbe Thema bis zum peinigenden Uebcrdruß hinein-posaunt wird. Alles Erzählte ist wie ein gleichgültiges Mittelglied zwi-schen die Arien und Chöre, die hymuenartigen Stellen, die vratorischenReeitative geschoben; in den drei Gesängen der Kreuzigung stehen diesieben Worte Christi zerstreut zwischen all den Anetten, MaestosoS undTuttis wie einfache gehobene Reeitativstellen zwischen leidenschaftlichenMusikstücken, und das ganze Ende mit Hallelujarnfen, Palmschwingenund Psalmsingcn ist gewiß ein vollkommenes musikalisches Finale, wiewenn erhabner Tempelgesang von der Auferstehung oder vom ewigenLicht, Erfindung der Töne, dem Liede gleich, und Stimme des Men-schen und Hauch und Saite zu Einem großen Zweck vereint, mit Schön-heit beginnt, jetzt steigend, sinkend jetzt, sortfährt mit Schönheit, nunsteigender immer, inniger, sanfter, erschütternder mit Urschönheitendet!"

Wir haben einigemal das Verhältnis zwischen Klopstvck und Mil-ton berührt. Es ist natürlich, daß jener diesen vor Augen hatte, daß erihm die Maschinerien der Engel und Teufel abnahm, daß gewisse ele-gische und idyllische Färbungen übergingen. Ihre Aufgaben berührenGerv. d. Dicht. IV. Bd. 9