128 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Teufel sind im Grunde gar nichts. Eine wahre Furcht sich unter Men-schen zu mischen, von menschlichen Handlungen zu reden, spricht ausdem ganzen Gedichte; kaum ist bei Pilatus ein Versuch zu finden, einenCharakter, einen Weltmann und Freigeist zu skizzircn. An allen Hand-lungen ist völliger Mangel; eS ist sehr charakteristisch, daß der Held lei-dend handelt, daß die Passion Gegenstand dieses EpoS ist. Wo die Er-zählung zu eigentlichen Handlungen führt, schlüpft der Dichter vorüber.So geht der Verrath des Jscharioth in ein Paar Versen vorbei; dieVerleugnung Petri geht im Hintergründe vor sich; dann tritt der Sün-der auf, klagt sich in einer Verzweiflungsaric seiner Verrätherei an, und„erweint sich die Märtyrerkconc!" Die Kreuzigung schleppt sich durchdrei Gesänge, und wir vergessen den eigentlichen Vorgang über denhimmlischen und höllischen Heeren, die um das Kreuz her versammeltwerden, und reden und klagen und staunen. In der letzten Hälfte desGedichts kommen wir vollends in die Regionen, wo die Halleluja Hand-lungen sind. Nur der 14. Gesang, wo der Auferstandene den Seinenerscheint, wo man einmal Engel und Genien vermißt, ist etwas epischergehalten; man athmct ordentlich auf. Gleich die folgenden verderbenaber wieder den wohlthuenden Eindruck, eine Reihe von Schildertenund Gemälden, wie die Seligen und Patriarchen den Bckennern understen Christen erscheinen; der 17. Gesang, das Fest der Freundschaft inLazarus' Garten, ist eine förmliche Idylle, so wie eine Menge Redenund Klagen ganz eigentliche Elegien sind; die Visionen in den 2 folgen-den, die einen Blick auf das jüngste Gericht öffnen, ermangeln wiederaller Handlung, und beleidigen durch den theologischen Eifer, mit demhier Glaubensfehler bestraft, Menschen verworfen werden, weil sie nichtin Nächten weinend gerungen haben um Gnade. Wie in dem ganzenGedichte Handlungen gemieden werden, sogar da, wo sie Selbstzweckesind, so auch da wo sie charakterisiren sollten. Christus und Maria, dieHerzensgeschichte von Semida und Cidli im 4. Gesang, die Jünger, inderen Gesellschaft wir im 3. Gesang treten, Alle lernen wir nicht durchWerke kennen, sondern durch Reden, durch gehäufte, lange, wortreicheReden. Wer die oratorischen Massen aus dem Messias striche, hätteneunzehn Zwanzigtheile vertilgt. Nachdem man in den zwei ersten Ge-sängen Himmel und Hölle durchirrt hat, sehnt man sich nach Land; wirk-lich sollen wir die Jünger kennen lernen, allein wir kommen unter lau-ter Seraphim, die durcheinander sentimentalisiren und uns die Jüngergelegentlich kaltwarm beschreiben. Wir lernen die Schntzgeister der Men-schen kennen, nicht die Menschen. Und mit diesen Geistern erhalten wir