Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
127
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und weltlichen Moral/ und dcr Kritik. Klopstock. 127

göttliche Natur bewußt machte, so ging die menschliche, die allein in derPoesie und in der Geschichte Werth hat, verloren. Wie konnte der Chri-stus, der am Oelberge auch bei Klopstock menschlich bebt und leidet, imselben Augenblicke den Adramelech mit einem bloßen Blick ohnmächtigmachen? Wie gleitet es säst ins Komische ab, daß derselbe Christus, deram Kreuze hängt und schmerzlich duldet, zu gleicher Zeit unsichtbareWinke gibt, Sprachen redet und Befehle ertheilt? Welch menschlichschöner Stoff hätte sich gewinnen lassen, wenn als Wirkungen einesahnungsvollen Triebs nach seinem göttlichen Berufe jene auffallendenZüge wären dargestellt worden, mit denen sich Christus offenbar zumTode drängte, als er plötzlich in Jerusalem so geräuschvoll erscheint, daser vorher so vorsichtig mied, als er sich unter die Pharisäer mischte, dieWcchslertische nmstürzte, sich vor dem Hohenpriester Gottes Sohn, vorPilatus den Judenkönig nennt und seine Jünger fast zum Verrathe reizt.So aber erscheint er niemals fast handelnd, ruht stets im erhabenenHintergründe und tritt als allmächtiger Gottsohn ans, so daß selbst dcrschönste Grnndzng des Erlösers, seine stille Größe und bescheidne Würde,ganzundgar gegen die falsche Majestät verloren geht, in die ihn Klopstockkleidete. Man lese, um dies bestätigt zu siudeu, nur im ersten Gesangvor dem erhabenen Erlösungsschwure die großprahlende Rede, die alleWirkung des Folgenden stört. Alles, sieht man wohl, fließt aus demEinen Streben nach einer wunderbaren Höhe und Würde, die demStoffe, den Figuren, den Handlungen gegeben werden soll! Wie schönhätten sich Juden, Römer, Jünger und Pharisäer um die Hauptgestaltgruppiren lassen, um epischen Boden zu gewinnen! Herder in dem Ge-spräche eines Rabbi und eines Christen deutete es an, wie viel Plasti-sches und Pragmatisches hätte gewonnen werden können, wenn der Dich-ter uns in den jüdischen Nationalgeist versetzt hätte, wie viel Christlich-interessantes, wenn die Schicksale der Kirche so im Auge behalten wä-ren, wie bei Virgil der römische Staat, wie viel menschlich Erregendes,wenn die handelnden Menschen natürliche Geschöpfe wären. Nichts aberaber von All diesem ist geleistet. Die Juden, die dort erscheinen, diePharisäer und Priester, sind nicht jene fangfcagenden Schlingenleger,es sind fluchthürmende Großmäuler, eine Art anderer Teufel; seine Chri-sten, sein Nikodemus ist schon ein viel zu entschiedener Bekenner undMärtyrer; seine Pvrtia spricht so inbrünstig von dem Heiland, als obsie schon 1800 Jahre hinter sich hätte; seine liebenden Paare sind wieGestalten aus Richardson'S Romanen. Und so sind im Ganzen seineMenschen Engel oder Teufel, Thiere oder Götter, und seine Engel und