120 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Epos und Drama in Schatten stellt. Diese Ansicht muß übrigens nothwen-dig in einer Zeit mißfallen, die nichts mehr als diese dürftigere Gattunghervorzubringen fähig ist, und sie gern zur höchsten machen möchte, um sichim Kleinen recht groß zu fühlen. Damit nun diese Ansicht nicht der histo-rischen Betrachtnngsweise allein Schuld gegeben werde, wollen wireinige Stellen einer Beurtheilnng der Klopstock'schen Oden°H von Her-der hier auszichen, die vom ästhetischen Standpunkte ansgeht. Sie istso voll von jener feinen Witterungsgabe, die hier gerade in diesemmusikalischen Gebiete angewandter ist als Lessingischer Scharfblick, undin der Herder bekanntlich so unerreichbar war. Nie hat vielleicht dasWeck eines deutschen Dichters eine so eindringende und dabei vielleichtallzusehr anerkennende Beurtheilnng erfahren, und wir wollen auch keinWort hinznfügen; nur stelle man sich in Gedanken vor, Herder rede vonTonstücken, nicht von Oden, um zu finden, wie Jeder seiner Aussprüchenoch treffender werden wird. Er entdeckt also in jeder Ode Klopstock'öeinen eigenen Ton des Ausdrucks, der sich von der ganzen Mensur, Hal-tung und Betrachtung des Gegenstandes bis auf den kleinsten Zug, aufLänge und Kürze der Perioden, Wahl des Splbenmaßes, beinahe bisauf jeden härtern oder weichem Buchstaben erstreckt. Darin hätten dieseGedichte so etwas Eingegeistetes, daß über jedem ein anderer Duft undGeist wehe. Die Seele habe immer gewirkt wie sie war und fühlte, undHerder wünscht sich nur, diese Melodie und Modulation jedes Stückesdeutlich niederschrciben zu können! Welch eine herrliche Abenddämme-rung geht z. B. durch die Erscheinung Thniscon's! mit Sylbenmaß undJdeenfolge und Bildern, die wie ans den letzten Sonnenstrahlen unddem stäubenden Silber und den rauschenden Wipfeln heilig, feierlich undstill zusammengewebt sind. Nichts sei daher schrecklicher, als alle dieseStücke mit feister Hand und Stimme sortzublättern und zu lesen, da zujedem eine eigene Bereitung gehört! Einige von seinen Maßenhätten schon an sich betrachtet Gesang und Melodie, die den sorglosesten(um den Inhalt unbekümmerten) Leser und Deklamator von der Erdeerheben müssen. Hier findet der seinhöreude Kritiker auszusetzen. Ererkennt den musikalischen Wohlklang höchst ehrenvoll an, gesteht aber,daß oft das Ende nicht dem Anfang entspreche, und dem ganzen Stro-phenbau die unaufgehaltene Glätte und Runde der Alten fehle. Nacheinem meist sanften Auklang stemmen sich die Töne, oft 2 — 3 hinterein-ander, dann schließt die Strophe oder bricht meistens ab, ohne daß das
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