Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
118
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118 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

begleitenden poetischen Tert ersetze und Empfindungen ohne Worte schil-dere. Allein eben diese Selbständigkeit wird doch nur in der Ode erhal-ten, indem sie die mangelnde Musik in sich selbst herzustellen sucht; ebendas, was also die Unabhängigkeit von der Musik beweisen soll, beweistdas grade Gegentheil. Die Musik sucht in ernsten Texten, eben in sol-chen, die allein in der Ode behandelt werden, nothwendig jene Erhaben-heit, die auch der Ode eigenthümlich ist, weil der verweilende Gang desmusikalischen Vortrags eine Schwere des Inhalts verlangt, ans demVerstand und Gemüth lange zu ruhen hat; die Chöre bedingen gleich-sam, um mit Ramler zu reden, den Tubaton, eben wie das Instrumentselbst. Die Ode sucht ferner, indem sie die Melodie entbehren will, selbstMelodie und Tonstück zu werden, und sie kann daher, je nachdem manes ansteht, sehr schwer oder sehr leicht komponirt werden: sehr schwer,weil der Musik kaum etwas übrig bleibt, sehr leicht, weil Sprache undVersmaaß erstaunlich Vorarbeiten. Daher kommt es denn, daß das,was wir als Reste griechischer Musik haben, und die Begleitung, diewahrscheinlich mittelaltrige Mönche zu Horazens zweiter Ode machten,und die Choräle, die aus den Psalmen wurden, und die KompositionenKlopstock'scher Oden von Gluck gleichmäßig im höchsten Grade ein-fach gerathen mußten! Und umgekehrt ward es Klopstock geläufig, auskeinen Tonstücken von Händel, Gluck, Allegri, Palästrina u. A. Poesienund Oden zu machen, die er z. Th. unterdrückt hat, die aber in einzelnenBeispielen auch in seinen Werken zu finden sind. Sein großes Vorbildbei Erfindung neuer Odenmaaßc, sagt er selbst, war die Natur und dertonbeseelte Bach! Aus dem ganz musikalischen Charakte? der Ode rührtes her, daß sie uns so leicht verführt, blos dem Klange nach zu lesen,über den Tonfall uns zu freuen und unvcrmuthet Sinn und Gedankenzu vergessen. Sie verlangt laut gelesen zu werden; das Ohr, das musi-kalische Organ, will an ihr seinen vorzüglichsten Genuß; die Ode istdaher dort am trägsten und unleidlichsten, und ihrem Zweck entgegen,wo sie, wie bei Uz, philosophische Abhandlung, wo sie, wie bei Ramler,voll von kopfanstrengenden Allegorien und Bildern ist; und daher hatKlopstock auch geradezu wie Lessing sich ganz entschieden gegen alle be-schreibende und Lehr-Poesie gesetzt °°). Nicht allein will das Ohr sein

60) In seinen Epigrammen:

Poesie, welche den Namen der descriptiveu verdient,hätten für Poesie niemals die Alten erkannt ». s. f.