116 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
den Bremer Beiträgen erschienen waren, verschob sich das Gedicht immermehr (bis 1773), je mehr der Dichter durch den edlen Bernstorf Mußegewann; und seine Freunde begannen, die Dichtcrgehalte zu verwün-schen. Er ermüdete über der großen Anspannung, aber es band ihn eineArt Pflichtgefühl an das heilige Werk! Er gestand es Clodius^) selbst,daß er schwerlich Dichter geworden oder geblieben, ohne daß ihnder Gegenstand seines Gefühls und seiner Verehrung gehoben hätte!Es ergriff ihn (schon 1750) Schwermut!), ja Todcssehnsucht, aber erwollte leben bis er das Lied von Gott gesungen. Er kehrte immer neu zudiesem Geschäfte zurück, er lebte seiner Dichtung und dichtete sein Leben,Beides sog ihn auö, erschöpfte ihn und überreizte ihn, und so ging dieseschöne freudige Kraft in weichliche Schwäche über, erschien in seinenSchauspielen und Sprachgrillen nachher zur Karrikatnr entartet, und inseinen christlichen Oden zum inbrünstigen Pathos verzerrt. Dies sindjene am häufigsten angefochtenen Hymnen, in denen die Lippe stammelt,was die Seele denkend, und das Herz empfindend nicht erreicht, jeneAnbetungen und Entzückungen und Hallelujaruse, zu denen die erhabenenGedanken von Engeln entlehnt sein sollen, jenes Staunen über denUnendlichen, in welchem hier gepriesen werden soll, was doch „die Wel-ten nicht donnern und der Posaunen Chor nicht hallt", jenes poetischeVerstummen im Gebet vor Gott, was ihm schon als Knaben im Miltondie höchste Beredtsamkeit war! Dies ging denn auch in den epischenMessias über, mit jenen Wiederholungen, jenem kurzen parabolischenTone des Orients, mit jenem Unperiodischen der jugendlichen Poesieder Völker, das dem epischen Gange widerstrebt, mit jener hebräischenZerstückelung der Sprache, der Bilder, der Anschauungen und Begriffe,die höchstens in musikalischen Teilen am Orte wäre, die in daö EpoSdurchaus lyrische Farbe tragen muß, und die Einflüsse des Persönlichen.Dies sind nun auch die zwei großen Merkmale der klopstock'schcu Dich-tung, daß sie ganz musikalisch und pathologisch, daher ganz nnepisch undunplastisch ist, was Niemand greller empfunden hat, als der Maler Füßli,der lieber eine nähere Verwandtschaft der Dichtung zur plastischen Kunstals zurMusik gehabt hätte, der nicht Empfindung, sondern Einbildungs-kraft im Dichtungswcrke suchte^), und der dieser richtigen Einsicht sehrderbe aber sehr wahre und vortreffliche Worte geliehen hat.
58) S« dessen Auswahl aus Kl. nachgelassenem Briefwechsel. 2 Thle. 1821.
58) Füßli schreibt an Merk: „Den größten Theil non Kl. Andachtsreden holeGott, und beinahe Alles von seiner teutonischen Mythologie der Teufel. Es ist eine