110 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Nieters bei uns ist längst verjährt. Schon vor Klopstock fiel Kleist gleich-sam ans sich selbst ans dieses Maaß, dem er eine Vorschlagsilbe gab,und das nicht als Hexameter galt. Wir haben, wenn man nicht etwaden Oberon mitzählen will, nur drei epische oder eposartige Gedichteder neueren Zeit, die volkSthümlich geworden sind, Messias, Luise undHermann und Dorothea, und sie sind alle in Hexametern. Dazu kommtnoch Reineke Fuchs hinzu, der in Hexametern populärer geworden ist,als in allen andern hochdeutschen Nebertragnngen. Es ist auch nicht zufürchten, daß die Nibelnngenstrophe, hinter die sich die poetische Armuthso bequem versteckt, und die Romanzenabtheilnng, die noch viel bequemerfür die Dürftigkeit ist und die jedes Epos wieder in seine ersten Elementezerpflückt, in anderer Zeit einen Werth behalten werden, als in solcher,wo die Dichtungen keinen hahen. So wie nun Klopstock diese Maaßeder Ode und des Epos von den Alten entlehnte, so auch die poetischeSprache. Hier stand er der ganzen Vergangenheit unserer deutschenDichtung gegenüber, und der tiefe Unwille, den er über die Verstandes-dürre und Prosa der bisherigen Dichtungen empfand, muß eS erklärenhelfen, daß er in das entgegengesetzte Extrem fiel, seine Begriffe vonPoesie und Sprache übersteigerte, und gleich in seiner Jugend auf einenStoff für sein Epos, auf eine Form für seine Lyrik kam, die seinemStreben nach Würde und Erhabenheit leider den weitesten Raum ließen.Er verwirft die Franzosen mit ihrer prosaischen Poesie; die Alten unddie Engländer lehrten ihn, zwischen der Sprache der Dichtung und ge-meinen Rede zu scheiden, und er arbeitete daher mit bestem Wissen undWillen, im Sinne Opitzens und Luther's, an der Weiterbildung derSprache für beide Zwecke, indem er dem richtigen Gefühle, nicht derTheorie, die Grenzen in diesen Bestrebungen überließt). Mit Stolzantwortete er denen, die sich über die Schwierigkeit seiner Sprache be-schwerten, sie möchten sie lernen. Und allerdings hat uns das Natür-liche der wielandischen und göthischen Poesie weit zu sehr verwöhnt undaus den Weg der Franzosen zurückgeleitet. Nur daß wir freilich damitnicht die „Odenkryptik", die allzu kühnen Wortschöpfungen, die lateini-schen Satzbildungen, die seraphische Göttersprache und jenen allzu hohenKothurn preisen wollen, der uns bei Klopstock eben so mißfällt, wie demAristophaneö am Aeschyluö und dem Aristoteles am Pindar. Wennman, wie Klopstock, gefühlt hat, was endlich die Schönheit des Gedich-tes, was poetische Rede sei, und wie die Dichtung in Bilder kleiden soll.
54) Im Nord. Aufseher. St. 26.