108 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
den Ton der bardischen Urdichtnng, die einfache Größe der hebräischenPoesie, den ächten und unvcrschrobenen Geist des klassischen Alterthumsgetroffen, wie gleich in seinen Jugendoden Klopstock, wo wir baldHoraz, bald David, bald, waS das seltsamste ist, Ossian hören, nochehe man von Ossian etwas wußte. Diese Gabe hatte selbst Lessing undWieland nicht besessen, sie zündete zuerst in Herder wieder nur um nach-zuahmen, dann in Göthe um frei zu schaffen.
Mit all diesen Eigenschaften geboren, sprang seine Dichtung gleichin seiner ersten Jugend wie eine bewaffnete Pallas ins Leben. An einemdreifachen Scheidewege stand der ungeduldige Jüngling und wählte; dieAlten und ihre Kunstdichtung, das Vaterland und die Naturdichtung derBarden, das Christenthum und David's prophetischer Gesang locktenihn, zwischen Leier und Telyn und Psalter je zu ihren Gunsten zu ent-scheiden. Sein Genius zeigte ihm, wie streng das Gericht der Zukunftsei; er wies ihn vor der Lustfahrt der Andern aus glattem Strome hin-weg auf das weite Meer; aber hier sah er warnungSvoll viel hoch-mastige Dichterwerke vom Sturm zertrümmert liegen. Er wurde bis zurSchwermuth ernst, vertiefte sich in Zweck, Verhalt, Grundton und Gangeines Gedichtes und strebte, geführt von der Seelenknnde, zu ergründen,was dessen Schönheit sei. Wie selbständig die Dichterkrast sich in ihmbewährte, doch fühlte auch Er, daß wir Deutschen die alte und fremdeBildung, auf der wir ausgewachsen sind, nicht verleugnen könnten, wowir groß werden wollen. Er wählte so, daß er keines von den Dreienfallen ließ; die Hauptelemente der deutschen Dichtung: das deutschVaterländische, das christlich Universelle, das antik Klassische hielt ermit Einem Griffe fest; er umspanute die Dichtung des Nordens, desOrients und des Alterthums; und was er gleichgültig liegen ließ, diealcrandrinisch-ritterliche Bildung war die Ausbeute, die seinem entschie-denen Gegenfüßler Wieland übrig blieb. In seinen Oden unterscheidensich, gleich bei den frühesten am deutlichsten, nicht allein diese drei ver-schiedenen Elemente, sondern auch drei gleichsam entsprechende Arten, indenen das Eine oder das Andere vorherrschte. Die einen sind geistlich,die anderen bardisch, die dritten antik; die ersten dithyrambisch und hym-nenartig, die zweiten künstlich in Maaßen, verschlungen und dunkel imInhalt; die letzten einfach und gehalten; jene verwandt mit dem Mes-sias, mit David und den Propheten, die anderen mit den Bardiettenunsers Dichters, mit dem Tone der Edda und des Ossian, die drittenmit Pindar und Horaz. Diese antik geformten und gedachten sind un-streitig die Besten, vielleicht schon weil sie sich den alten Maaßen beque-