100 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
der Tagesordnung war. Die Masse soll min die innere Güte ersetzen,die Eleganz die Liebe zur Sache; und eben diese Massen nebeneinander,und diese durchgehende Mattheit und Weichlichkeit machen dann einegleich unangenehme Wirkung, wie die vergnügliche Weitschweifigkeit beiGeliert. Dabei wird man noch häufig gewahr, daß jene Glätte derForm oft gar sehr bloßer Firniß ist, denn plötzlich überraschen uns imgewöhnlichen Erzählton und ganz ohne Grund gemeine Ausdrücke, wiedas Mensch, das Beest, der Bengel u. s. f., die, scheint es, Krastbrockcnin der schalen Brühe sein sollen, und neben denen sich dann die orienta-lischen und mythologischen Benennungen und Gestalten mitten in dieserThierwelt sonderbar ausnchmcn. Nirgends meint man auch so oft jeneplumpen Wort- und Witzspiele statt der Moral zu finden, wo plötzlichdas arme handelnde Thier als ein Schimpfname auf gewisse Mcnschen-klassen gebraucht wird. „Wäre unter diesen Thiercn, sagt Herder, derAffe und Esel lächerlich? O der alten abgekommenen Späße, die denDichter so oft selbst znm Affen oder Langohr gemacht haben! Kein Witzkann leicht abgeschmackter werden als der Fabelwitz." Und keine Gat-rung, fügen wir hinzu, so sehr zu Trivialität verwöhnen. Dies fühltjedes Kind mit rechtem Takt. Auf der Schule gäbe wohl jeder frischeKnabe Pfcffel's sämmtliche Fabeln um seinen Ibrahim hin. Wie imMährchen, so ist es auch nicht gut, die lebcnödnrstige Jugend zu langein der Fabel zu halten; sie sehnt sich bald nach Handlungen, die eben sowohl belehren und zugleich den Charakter bestimmen.
Auch Fr. W. Zachariä (aus Fraukcnhausen 1726—77) hat „Fa-beln in Burkard Waldiö' Manier" (1771) geschrieben, über die wir schonfrüher einmal unser Gutachten gegeben haben. Das charakteristischeFach dieses Dichters ist aber die sogenannte komische Epopöe. Sie liegtdurchaus auf Einer Linie mit den bisherigen Erscheinungen und führtuns in steigendem Fortschritt, aber langsam, dem poetischen Schaffnngs-und Erfindungsvermögen näher. Dieses äußerte sich in neuer Lebens-kraft zuerst bei Brocke» als bloße Nachahmungsgabe, im Abschilderu undMalen; Rabener'ö dürftige Charakteristiken von Menschen und Stän-den führten einen Schritt weiter; die Fabeln verlangten schon eigentlicheCompositiou, allein sie waren noch am seltensten erfunden, meist blosnacherzählt. Die komische Epopöe und die Idylle führen zu Darstellungweiterer, ausgedehnterer Verhältnisse über; noch aber sind es bloß ein-zelne kleine Begebenheiten und Zustände, die geschildert werden. ErstKlopstock ging zu Handlungen, zum Epos über. Was man gewöhnlichkomische Epopöe nennt, müßte durchaus einen anderen bescheidneren