98 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
nennen sie unsterblich ! Wie war es anders möglich, als daß man sichüber dergleichen Produkte nie vereinte, wo gntstehende Naivetät undmisglückte Versuche, der Thiere Natur und Stimme abzulauschen, wech-seln, wo bald eine magere Wahrheit breit aufgcstntzt wird, bald epi-grammatische Sätze unerwartet und überraschend als Moral gezogenwerden. Es ist daher auch gar kein Wunder, daß Lessing'ö Erscheinungin diesem Gebiete verhältnißmäßig weniger fruchtete als irgendwo sonst.Noch ehe er austrat erschienen Fabeln von Gleim, die ersten um 1755.Er hatte sie früher schon versucht, ohne Glück. Auf einmal ging es abervon Statten. Nicht eines Prinzen Zuspruch, wie er meinte, war daranSchuld, sondern weil er stets mehr gelernt hatte, auf sich zu vertrauen!Sie sind eine Art Widerspiel zu den bisherigen, wie der ganze kurz an-gebundene Charakter Gleim's gegen Gellert's. Sie schreiten leichtfüßigeinher, wo die Gellert'schen ehrenhaft wandeln, sind so kurz wie jenelang, so pickelnd wie jene breit humoristisch, mit knapper, oft mit garkeiner Moral, wo Geliert Lehrgedichte anhängt. Wo er recht in seinemWesen ist, macht die Lehre gewiß ein Epigramm für seinen König odergegen einen Nhu-Reeensenten oder Pfaffen aus. Gleim unterscheivet so:Aesop's Fabel ging schlecht und recht, Phädrus' nett und ohne Pracht,Lasontaine's als eine Hofdame; wir können fortfahrcn: Gellert'ö alslehr- und wortreiche Gouvernantin, und Gleim's als kurz angekuüpftesschnippes Kammermädchen. So näherte sie sich denn etwas mehr wiederdem lehrhaften Sklavenstand des Acsop, zu dem sie Lessing (>75ä) ganzzurücksühren wollte. Schon daß sie sich gegen die andern Nebenbuhlerzu stellen hatten, machte, daß es nicht ohne satirische Hiebe abgehenkonnte. Seine Thiere sind Epigrammatisten, hat Johannes von Müllergesagt, und Gellert's Professoren der Moral. Immer besser jene alsdiese. Sie sind es doch nicht in dem Grade wie späterhin die politischenFabeln von Fischer (Königsb. 1796) und Aehnlichcs bei Pfeffel, wasnicht unbeliebt war, wo man unter lauter Besonderheiten der Gesin-nung, der Stimmung, der Thatsachen, der Nutzanwendungen tritt, diepolitisch, parteiisch, leidenschaftlich und bitter sind. Lessing konnte dieWelt nicht anders stellen als sie stand; wir leben nicht mehr in dengroßen Uranfängen der Gesellschaft, wo große Grnndlchren der Mensch-heit in einfachen Bildern zu lehren waren; die Fabel hatte sich dorthingezogen, was wir Gesellschaft nennen, und dort mußte sie wohl einigenWitz geltend machen. Satirisch und witzig war die Fabel nicht alleinbei Lessing in dieser Zeit, sondern bei Allen; dies ist durchaus kein Un-terscheidungszeichen für seine Person, sondern für seine Zeit. Der wahre