Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
94
Einzelbild herunterladen
 

94 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

Nebenstücke die Hauptsache aus deu Augen verlören, possirliche Einfälleeiuflöchten, für die hier kein Ort war, weitläufige Eingänge, geschwätzigeErzählungen, postillenhafte Lehren zusammenleimten. Hagedorn dage-gen fand fast allgemeinen Beifall mit der kunstmäßigen Richtigkeit undZierlichkeit seiner Sprache, und ihm ist hauptsächlich das große Glückznznschreiben, das jetzt die Fabel machte; Stoppe war bald vergessen,nur nicht bei Gottsched und Bodmer, die hier einmal einig waren. DieFabel drängte jetzt überall hin mit einer großen Triebkraft. Sie erschienin Wochenblättern; der deutsche Lockmann (Halle 1739) ist eine mora-lische Schrift, die Fabeln brachte weder im Geschmack des Alterthumsnoch des Orients; der deutsche Aesop (Königsberg 174043) erschienals Wochenschrift und brachte 324 Fabeln stückweise, sehr ungleich anWerth. Sie drängte in die Streitigkeiten der Schweizer und Leipziger,ja sie war eigentlich der Apfel des Zwistes, der diesen vieljährigen Kampfanschürte. Es waren nämlich 1740 neue äsopische Fabeln von Trillererschienen, abgeschmackte Nebersetzungen und noch abgeschmacktere Er-findungen, sammt einer elenden Theorie. Die Schweizer warfen ihn zuden elenden Schreibern, und griffen seine Werke und Lehren in ihrerDichtkunst im Tone Liseow's heftig an. Sie setzten ihre eigene Ansichtentgegen und 1744 auch ein Halbhundert neue Fabeln von Meyer vonKnonau. Wenn man das satirische Element in den modernen Fabeln,pragmatisch herleiten wollte, so würde man geradezu sagen, sie hätten esdurch diese Kämpfe angenommen. Meyer von Knonau und nach ihmBodmer in den kritischen Briefen machten geradezu Forderungen an dieFabel, die sie, pünktlich befolgt, zum Epigramme machen würden; mansolle, verlangen sie, in einer kurzen Aufschrift merken lassen, bei welcherGelegenheit die Fabel verfertigt worden, als da sind z. B.: Wie HerrGottsched sich schämte in den Hallischen Bemühungen gelobt zu werden;wie einer behauptete, Stoppe hätte mit seinen Fabeln mehr Ehre einle-gen können, wenn er inehr Arbeit daran gewandt, u. s. f. Wollte manMeyer's Fabeln zergliedern, so würde man sie um kein Haar besser fin-den als die Triller'schen. Wir sehen also, daß trotz dieser vielfachen Ver-suche noch immer das Feld für einen glücklichen Vermittler frei blieb.Die friedfertigen Bremer Beiträger traten auch hier mitten unter dieStreiter hinein. Zwischen 174248 fallen die Fabeln, die eigentlichdiese Gattung bei uns darstellten, und dies sind wesentlich die Gcl-lert'schen, denen sich die von Giseke, Schlegel, Ebert und Lichtwer so an-lehnen, daß Schlegel z. B. sich verwahrt, er hklbe, wie man ihm ge-wöhnlich nachsage, Gellert's Fabeln nicht uachgeahmt; es sei wohl na-