92 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Vater unsers Satirikers (ch 1699) gab schon 1691 nützliche Lehrgedichteheraus, die an Harsdörfer und Andrea erinnern, und mehr Allegori-sches als Apologisches enthalten. Ein Pastor Ehr. Andr. Roth erschien(Franks. 1698) mit Lehrgedichten, von der Parabel in der Bibel ange-regt, bekannt mit Aesop und Reineke Fuchs, die jedoch nicht einwirktenauf seine Fabeln. Es sind dies dürftige Parabeln, die mit einem ge-reimten Berschen oder Bibelsprüchlein schließen, in höchst läppischemMährchenton, nach Manier unserer heutigen Kinderbücher, vorgetra-gen ^). Hi^ steht man in derThat dieFabel in den Kinderwindeln wie-der ganz neu geboren. In den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts fingsich nun schon alles an zu dieser jungen Creatur väterlich Hinzuneigen.Scherz fing 1704 an mit altdeutschen Fabeln bekannt zu machen; 1703ward Aesop von Hartnock übersetzt, 1712 Phädrus in Versen von Me-lander (m^tboloj-ia garaenetioa); einzelne Dichter wie Canitz, König,Mencke und Andere versuchten sich schon an einzelnen Stücken, die zumTheil wie bei Hanke übersetzt waren, bei Mencke aber (1710) von eige-ner Erfindung. Auch hier tragen sie aber sogleich allegorisch-satirischenCharakter. Hunold hatte einen besonderen Hang zu Fabeln und soll auch,nach Mencke, eine nette Nebersetzung des Lafontaine in der Arbeit ge-habt haben, die aber nicht gedruckt zu sein scheint. Alles dies ging un-bemerkt verloren, bis 1717 Aesop's Fabeln von I. Fr. Niederer indeutschen Reimen erschienen. Eben dies ist ein Nürnberger, einer jenerEmblematiker, der sich mit Erfindung von artigen Münzen und kabba-listischen Buchstabenspielen abgab, Paragrammata ans gekrönte Häuptermachte, auch (wie Hermann sein Blumengebüsch) ein poetisches Scherz-kabinet heransgab, in welchem Geschichtchen und Schwänke erzählt wa-ren, noch abgetrennt von der Fabel. Hier läuft dieser unser neuer An-kömmling schon in der Kutte herum, und hat aus Hans Sachs (in kur-zen Strophen und vierfüßigcn Jamben) zu reden gelernt. Diese Fabelnmachten nicht ihres Werthes, sondern ihrer altmodischen Art wegen auf-merksam; sie sind oft gar zu drollig und man trug einzelne Stellen dar-aus lange Jahre zur Kurzweil im Munde herum. Hier sehen wir dieFabel also noch ganz sich selbst überlassen, aber es schien doch auch hierdeutlich, daß unsre Poesie durchaus und in allen Stücken durch fremdeHülfe erzogen werden mußte. Man fand bald, daß sie sich bei Niederer
46) Die erste Parabel lautet so: Jenes fromme Kind setzte sich auf einen schönenschönen Berg, da that sich der liebe Himmel weit weit aus, daß das fromme Kind hineinschauen konnte; es kam auch ein schön schön Engelchen vom Himmel, der führte dasKind bei die anderen vielen vielen schönen Engelchen n. s. f.