Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
80
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80 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

Wenn, sagt er, die heilige Schrift und besonders die Psalmen undPropheten mit kritischem (d. h. ästhetischem) Geiste untersucht wurden,so würde man poetische Schönheiten finden wie in keinem menschlichenDichter. Eben darum beklagt er, daß so wenige Ausleger derselben Ge-schmack gehabt haben; wir würden sie von ganz anderen Seiten ken-nen! Die Freigeister verachten die Schrift, als wenn sie sie nun alsein Werk des Geschmacks lesen wollten, in welche Bewunderungwürde sich ihre Verachtung verwandeln! Betrachteten sie sie blos mitden Augen Longin's, welche Schönheiten würden sie darin entdecken?Ec beschäftige sich zuweilen mit ihr in der Absicht, auch ihre schönenSeiten kennen zu lernen, und er sehe diese Art der Betrachtung als dieAndacht des Witzes und einer regelmäßigen Einbildungan! Wie viel Vergnügen finde er darin, zu sehen, daß diese Kräfteunserer Seele eben soviel Nahrung darin finden, als Vernunft nndHerz! Dies ist das Stichwort, mit dem Klopstock nothwendig auf dieBühne treten mußte; es ist die Ansicht, ans der die ganze wiederbelebtegeistliche Dichtung um Klopstock herum betrachtet werden muß. DieKunst konnte wenig dabei gewinnen; die Religion mußte fast nothwcn-dig dabei verlieren. Man wollte den Freidenkern mit artigen Formenbegegnen, und dies eben machte Wieland umkippcu vom Christen zumFreigeist; man wollte die Religion zur Leidenschaft machen, und diesbewirkte, daß schwache Protestanten zum Katholiciömus übertrateu.

Ehe wir aber auf die ernste, feierliche nnd musikalische DichtungKlopstock's übergehen, wollen wir der weltlichen und geselligen Moralfolgen, die, wie wir sagten, anfänglich in diesem Kreise sich im Gewanddes Humors, der Satire, der leichten Laune zeigte, und wir werdendabei finden, wie wenig inneren Halt und Kraft diese heitere Welt-anstcht unter den Hauptvertretcrn hatte, um den Anstoß empfindsamerStimmung von Seiten Klopstock's Widerstand zu leisten. Dieser einenDamm entgegenzustellen, wurden nachher Leute von ganz anderem Cha-rakter erfordert, als sie sich unter diesen fanden. Drei Männer wollenwir an diesem Orte etwas näher betrachten, welche sich mit poetischenWaffen der öffentlichen Moral annahmen, und zwar in den drei damalsverwandten Gattungen der Satire, der komischen Epopöe und der Fabel.Wenn damals das Absehen der Poesie überhaupt auf die Moral ging,so war dies ganz besonders in Sachsen eigentlich von jeher der Fall.Man denke nur an Buchner's Theorien, an das Kirchenlied, an dieSchulkomödien zurück! man erinnere sich, daß Gottsched seine ganzeTheaterreform aus diesem Gesichtspunkte betrieb; und man wird sich