78 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
sammenstimmen, so ist es die Bekämpfung der Freigeisterei, das Ein-stehen für christliche Tugend. Dies unterscheidet ihre Moralpoesie, aufder sich Klopstock aufbaute, von der Lebeusphilosophie der Epistolo-graphen in Halberstadt, aus deren Höhe Wieland steht. In allen ihreneinzelnen Werken, in den Beiträgen, in den vermischten Schriften derVerfasser dieser Beiträge, die 1748—52 die Letzteren fortsetzten, in denvielen Nebenblättern und Wochenschriften, die sich an sie anlchnten, demJüngling, dem Freunde, dem Fremden, dem Nordischen Aufseher u. A.,die von Giseke, Cronegk, Elias Schlegel, Cramer herausgegeben wur-den, ist die Freigeisterei der einzige Gegenstand, über den diese friedfer-tigen Männer polemisch werden können. Man muß dabei sich erinnern,daß Mehrere unter ihnen, Giseke, Cramer und Schlegel Geistliche wa-ren, daß Andere mit Geistlichen in Verbindung standen, wie denn z. B.Mosheim seinen freundlichen Verhältnissen nach fast mit zu diesem Kreisegezählt werden müßte. Die Sache selbst tritt mit den Dichtungen dar-über eben jetzt allmählig heraus in der deutschen Welt. Der prophetischeAberglauben, der noch von Petersen her fortdaucrte in den Kindermann,Bengel und Andern, rief jetzt einen Gegenstoß hervor; man nannte ein-zelne Freigeister, wie Edelmann und Dippel, aber mit Abscheu; manwitterte Zweifel und Unglauben, und so war jener Mylius im Rufeeines Freigeistes, obgleich er seiner Zeitschrift nur ans Speeulation die-sen Titel gegeben hatte. Man merkt aber wohl, daß schon etwas mitdem Namen zu machen war, der sich, seitdem Toland's Buch olirislirmit^not m^stoi'ions (1696) verdammt und der Verfasser verfolgt ward, schnellverbreitet hatte. Wir rücken allmählig auch in dieZeit, wo die Schriftenjener sreidenkenden Philosophen in England nach Deutschland verpflanztwurden, wo Heß, Sack, Bamberger den Shaftesbury, Locke, Bensonu. A. bekannt machten, wo Spalding selbst (1745) Shaftesbury's Mo-ralisten übersetzte, wo Michaelis und Semler, von Engländern angeregt,aus der platten Kritik ihrer Vorgänger heraustraten. Schon erregte esgroßes Bedenken, daß man in Deutschland die gewissesten Wahrheiten,das Dasein Gottes u. dergl. als streitige Fragen aufwerfen durfte. Undwie lange, so sah man den großen König von Preußen im Umgang mitVoltaire, wie Gellert schrieb, mit seinem Unglauben triumphiren. Den-noch waren wir bei weitem früher mit den Widerlegern dieser freigeisti-gen Sekte in England und Frankreich bekannt geworden, als mit denWiderlegten selbst. Wir hatten die Waffen der Boileau und Bernis ge-brauchen sehen, wir hatten Polignac und Fenelon, Uoung und denSpectator übersetzt, ehe die Reihe an Hobbes und Locke kam, und es