Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
76
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76 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

schreibt, vom Geschmack. Wie Giseke persönlich seines anmnthigen Um-gangs halber bekannt war, so spricht er sich gleich seinen Lehrern gegenSchulpedanterie und dieEingelenkigkeit der mißlungenen Philosophen"anö, gegen die Unempfänglichkeit der Mathematiker, die nichts alsReime hören, wenn man ihnen ein bewegliches Lied von der Tugendsingt, statt sie zu definiren. Der Geschmack, lehrt er, macht auch denPansophus galant, und ohne ihn ist selbst der Staatsmann ein Pedant;der Geschmack gibt der Tugend selber etwas, das ihr fehlt; die Freund-schaft, die uns Gott hier zum Trost gegeben, empfängt von ihm Lebens-anmuth. Wenn erst Geschmack in Deutschland herrschte, so würde Em-pfindung mehr des Dichters Kunst belohnen und Artigkeit nicht allein inFrankreich zu Hause sein. Noch freilich besingt Giseke diese hellere Weis-heit Dunkel genug, ungraziös diese Grazie, sein Lied und seine Oden sindnoch hölzern, oft sind es bloße Gelegenheitsgedichte. Aber dunkel zeigtsich die Spur jener feineren Empfindsamkeit, die bei Klopstock kühner unddeutlicher wird. Sie wagt sich hier nur fern in Liebesliedern an seineFrau zu äußern, die Gärtner noch gleichsam entschuldigen zu müssenglaubt. Erst Klopstock getraute seine Liebe der Welt zu eröffnen, Cramerund seine Radikin wurden in der Zeitschrift, dem Jüngling, nur nochunter den Namen Arist und Irene geschildert; und Giseke, wie deutlicher fühlt, daß Liebe sich gern dem Geschmack und der Dichtung geselle,will sie zu besingen einem Größeren Vorbehalten; seine Muße weiß nichtdie Empfindungen zu sagen, die kaum das Herz, das sie fühlt, begreife.Als Schlegel, sagt er, die Liebe Cramcr'S besang, empfand sein Herznur die Freundschaft, doch die Schmerzen der Liebe empfand er noch nicht.Ich aber fühle sie schon die ganze Seele durchwallen." Dennoch wirdauch bei-ihm nur die Empfindung der Freundschaft laut, wie in diesemganzen Kreise. So haben Gellcrt und Schlegel und Rabencr gesagt, dieFreundschaft habe sie zur Dichtung begeistert; so sagt Geliert in Briefenan Rabener: daß Er und Gärtner und die Andern seine Freunde gewe-sen, soll ihm so gewiß bei der Nachwelt Ehre und Sicherheit seines Ge-schmacks sein, als es Raeine Ehre war, daß Boileau und Mokiere seineFreunde gewesen; ihre Periode werde in der deutschen Literatur nichtminder merkwürdig sein, als die des Boileau in der französischen! Sosagt Giseke, Gott habe in ihn den Trieb freundschaftlicher Liebe gelegt,und ihn zum Herrn der übrigen Triebe gesetzt. Freundschaft lehrte ihnsingen, und der Freunde Beifall ist ihm lieber als der einer Welt; alsihm der Himmel seine Freunde raubte, war es ihm Freude, seine quä-lende Schwermut!) in Klagen zu ergießen, und er labte sich dann an dem