Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
63
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u. weltliche Moral, u. d. Kritik. Gottsched u. v. Schweizer. 63

alle Poetiken der Scaliger, Boileau und Gottsched zusammengcnommcn.Dies abnten die Schweizer wohl, sic schlugen ganz diesen Weg ein.Sie fühlen es daher nicht allein, sondern sie sagen es deutlich, der Un-terschied zwischen ihnen und Gottsched liege darin, daß dieser überall ansdem Alten und Abgestorbenen, sie auf dem Neuen und Werdenden, inder Zeit ständen. Dies bezieht sich nicht allein auf seine AristotelischenRegeln, sondern auch auf sein Verhältniß zu der älteren deutschen Poesie,die sie verachteten. Er sagte es ja deutlich, schon als Klopstock erschienenwar, daß die Zeiten des Pietsch das goldene Zeitalter der deutschen Li-teratur seien!

Daß bei diesem ganzen Kriege nichts herauskommen würde, warbei der Schwäche der Einsichten, bei der Neuheit der Gegenstände überdie sich die Kritik verbreitete, bei der Blindheit der Partheien und derKleinlichkeit der Menschen vorauözuschen. Nichts war gut dabei, als daßsich nun Alles zur Kritik drängte, und daß, während noch lange Zürichals der Thron der Kritik betrachtet wurde und Alles auf Bodmer sah,sich Lessing bildete. Was aber innerhalb dieser streitigen Parteien ge-schah, war durchaus nicht aus die Dauer wichtig. Es galt nur Worteund Kleinigkeiten; waö Gottsched an den Schweizer Dichtern aussetzte,was die Vertheidiguug der Haller'schen Muse (174 l) erwiderte, warenAlles Wortfechtereien; was die beiden Poetiken brachten, war leeresGehäus auf der Einen Seite, und vereinzelte Bemerkungen auf der an-deren. Man ging in poetischer Kritik wie in der Sprache von dem Prin-zip der Korrektheit ans, und dies vorzugsweise auf Gottscheds SeitensVerständige Männer wie Hagedorn wandten sich daher mismuthig vondiesen Balgereien ab, die wir auch hier nicht im Detail verfolgen; siefanden, daß sich beide Seiten lächerlich machten. Was das auffallendstedabei ist, so erkannten beide Parteien das, was ihr bestes Verdienst ist,nicht allein bei der anderen gar nicht, sondern auch an sich selbst am we-nigsten an. Gottsched hatte daö große Verdienst, daß er sich für die

31) Durch die kraftvolle und beharrliche Vertretung dieses Prinzips, findet Dan-zel (obwohl er fie in demselben Athemzuge als MiSgriff und Einseitigkeit bezeichnet),habe sich Gottsched ein welthistorisches Verdienst erworben!! Diesem Gottschedianis-muS ist nur noch der andere g. 77 zu vergleichen: G. habe zuerst die Idee der deutschenGesammtllteratur gefaßt; erhat damit der Geschichte derselben im 18. Jahrhundertihren Weg vorgezeichnet! es handelt sich bei Klopstock, Lessing, Wieland nur(!)um das Wie dieser Lösung ! die Aufgabe selbst habe» fie, ohne sich selbst dessen bewußtzu sein, von dem verachtete» Vorgänger überkommen !! " Welche Vorstellungen von demGeistesleben einer Nation!