62 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
nämlich müßten Handlungen sein, und wenn Begriffe, so wenigstensbildlich eingckleidete Begriffe. Und daher dringen sie ebenso wohl ansdas Epos wie auf die Fabel, und die ganze Zeit bewegte sich mit ihnendiesen beiden Gattungen zunächst zu. Gottsched ruhte auf seinen Regelnder Alten und kümmerte sich um alles Werdende um ihn herum, wie alleSchulpedanten thun, gar nicht. Er trägt daher auch jenes Kennzeichen,daß er Regel vor Anlage achtet, den Kunstbüchern mehr Werth zuschreibtals der Natur. Es würde ihm nicht entfallen, sagt er selbst in der Dicht-kunst, daß die Griechen cs so hoch gebracht, ehe sie die Regeln gefunden!ste erfanden nach ihm die Künste nicht durch die angeborne Kraft derPhantasie, sondern weil sie mit ihrer Vernunft ihren Geschmack bildetenund über Alles frei philvsophirten! Wie die Wolsianer damals in alleWissenschaften die mathematische Beweisführung trugen, so sollte esauch hier in der Poesie geschehen. Daher spotten denn die Schweizerüber ihn, er habe eine Dichtcrzange-"), die so oder so gestellt fähig sei,ein Heldengedicht, eine Ode, ein Drama zu erzeugen. Und wirklichspielte er hierin die Rolle der Akademie und des Französischen Hofs imgoldnen Zeitalter, die sich die mangelnden Gattungen bestellten, wie einFabrikat; er tadelt die Breitinger'sche Dichtkunst darum, mau werde ausihr keine Ode und keine Cantate machen lernen, während die seinigeAnfänger in Stand setzte, alle Gattungen auf untadeliche Art zuverfertigen!!^) Er betrachtet also, wie alle seine sächsischen Schul-meister, die Poesie wie eine bloße Stilübung; ihm ist daher ein Gele-genheitsgedicht so lieb wie ein Epos, während Breitiuger allen lyrischenGattungen gleichgültiger den Rücken wendet; er hat von einem freienWachsthum einer verjüngten Poesie keine entfernteste Ahnung, so wievon dem Werth einer selbständig erneuten Kritik. Er sah nicht ein, daßsich die Einsichten der Menschen stets neu beleben müssen; ein ästhetischerSatz, den Lessing, Göthe oder Schiller frei fanden und dann in andererArt der Auffassung bei Aristoteles bestätigt fanden, war mehr wertst, als
29) S. die Satire: Denkmal der seltenen Verdienste Gottsched'S rc. 17-iO.
30) Wer also, fügt er in der Vorrede seiner Dichtkunst von >757 hinzu, Brei-tinger'S Buch in der Absicht kaufen wollte, um Gedichte mache» zu lernen, der werdesein Geld zu spät bereuen. Zumal es doppelt so stark, und folglich doppelt soth euer sei als seines ! und dennoch führe eS nur einige Kapitel der Dichtkunst aus,könne also gegen sein Werk nur die kleine Dichtkunst heißen, wie Aristoteles jenegroße neuere JliaS gegen Homcr'S die kleine genannt, doch ohne daß er stch mit Homervergleichen wollen !! Man sieht Wohl, wie dem thenern Manne kein Mittel zu niedrigist und kein Dünkel zu hoch, um sich gegen die Schweizer zu wehren»