60 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
wunderbaren poetischen Nrtheile des weisen Mannes, die von einermerkwürdigen Phantasielosigkeit zeugen! Ganz recht tadelt er das Ma-lerische bei König, der Lakaien und Kutscher bis auf die Schnur an ihrenKleidern beschriebe, aber er tadelt auch den Schild des Achilles, und mitwelchen Gründen! Der müsse so groß gewesen sein, wie der diamanteneSchild der himmlischen Rüstkammer bei Tasso; die Figuren darauf be-wegten sich, so daß man sie sich wie Mücken vorstellen müßte, die umden Schild schwebten! !^) Es ist wohl wahr, daß auch die Schweizerihre Ansicht von der Wirkung der Einbildungskraft in der Poesie nichtstreng verfolgen, auch sie sind ans sehr dürftigen Standpunkten stehengeblieben. Beide ordnen die Dichtung den Anforderungen einer grillen-haften Moral durchaus unter. Wenn Gottsched den Ausdruck schöpfe -rische Kraft für Sünde hält, so halten dagegen die Schweizer dasReden von Verbessern und Erhöhen der menschlichen Natur durch dieKünstler für gottlos, beide wagen also von Kunst und Ideal noch keinenBegriff zu fassen. Aber die Züricher sind doch wenigstens auf dem Wegezu helleren Einsichten, sie streben wenigstens schon vor Klopstock mehrnach einer Poesie des Herzens als des Verstandes, während Gottscheddes ganzen Empfindnngswesens nach Klopstock spottet; sie vertragenwenigstens die Phantasie des Milton, Ariost und Tasso, und überallsind daher ihre Werke Schutzschriftcn für viese Epiker und für das Wun-derbare in der Dichtung, während Gottsched sich je-länger je mehr inseinen Nrtheilen blosstellte. Als der ärgste Gegenfüßler aller Romantikwirft er die „Teufeleien des Tasso", die „abgeschmackten Hexereien desShakespeare", den Schwulst des Lohenstein und deö Klopstock, mit demSchauspiel von Faust und den Ritterbüchern, das Epos des Ariost undMilton mit dem Ottobert und Wittekind, mit Schönaich's Hermannund der Henriade und Pietsch's heroischen Lobgedichten Alles auf einenbunten Hansen zusammen, und eine Vorstellung von Milton räth er denLesern sich bei einem älteren, possenhaft verstiegenen Uebersetzer zuholen -ch. Selbst mit dem Wunderbaren der Fabel kommt er nicht zu-
27) Dichtkunst hrSg. 1750 g. 202.
28) In dieser Nebersetzung, die von Hauke begonnen und von G. von Berg 1682vollendet ward, lautet z. B. der Schluß des 3. Buches so:
Endlich nun schimmert und scheint das Licht herfnr,und himmelab durchstrahlet alles tunkelder äußern Gränz. Bon dar sich Chaos indie tief verschloß', und das irrwirrgeschwärmder Finsterniß je längr je mehr verschwandund sich zumahl verlor ic.