86 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
fasser auf das Glatteis, auf dem vielleicht uoch mancher heutige Theologstraucheln würde. Kein Wunder, daß sich Lisrow zu beklagen hatte, erhabe in Deutschland für seine hochgetriebeue Ironie, die in seinen un-bestrittenen Schriften sehr ähnlicher Art ist, nicht die rechte Hurtigkeitund Biegsamkeit des Verstandes gefunden, die in lateinischen Köpfendurch die lächerliche Schnlgravität erstickt werde. Er fühlte ganz dieschwierige Stellung eines Satirikers in einer Nation, die für den Scherzblind ist, die lieber Wndrians Krenzschule liest, als eine Satire, diejeden Kritiker einen Pasquillanten nennt und jeden Scherz bei der Ob-rigkeit verklagt. Er ward noch ein Opfer dieses Volks- und Zeitgeistes,indem er 1750 seine Stelle in Dresden verlor^), weil er es durch einigefreie, und offen bekannte Aenßernngen mit dem Grafen Brühl verdorbenhatte, der doch niederträchtig genug war mit dem gemeinen Rost in diegemeinsten Kabalen gegen Gottsched einzngehen, eben mit jenem Rost,der damals auch den Satiriker spielte, und dem Lisrow noch zu schläfriggroßmüthig war'H! Großmüthig war er freilich, besonders gegen Rostgehalten, aber nicht schläfrig. Er ist zwar nicht ganz frei von dem Un-wohlthnenden, das ein Charakter mit sich bringt, der alle Dinge nurvon der lächerlichen Seite ansehen kann, worin er Wernicke sehr ähnlicherscheint, aber er ist dabei gelassen, nnparthciisch und gerecht. In ihmgeht gleichsam jenes hartherzige, grobe, unfein fühlende Geschlecht des17. Jahrhunderts zu Ende, ans dem wir, durch die empfindsame Stim-mung der Zeit gehoben, durch die Schriften der Brockeö, Gellert, Klop-stock hingerissen, jetzt heraustreten. Noch Eine kleine jener moralischenUnfeinheiten, die wir in dem Rist und Wernicke, und noch in Rost undBodmer entdecken, finden wir auch bei Lisrow; er hatte sich über denMagister Sievecs lustig gemacht und diese Schrift dann in einer nach-folgenden aus Rechnung eines armen Kandidaten Backmeister in Lübeckgeschoben. Freilich scheint dies ein blödsinniger Mensch gewesen zu sein;die Ironie war also handgreiflich; dennoch bat sie Lisrow nachheröffentlich ab! Und ein eben so schöner Zug ist es, daß er seinen Satirengegen Philippi Einhalt that, als dieser in Unglück gerieth, so daß manohne Sünde nicht weiter über ihn spotten dürfte. Was er früher gegendiesen und Andere schrieb, bereute er nicht, und sonst hatte er nichts zu
23) Aber ohne im Gefängniß zu bleiben; was jetzt durch Helbig'S verdienstlichenBeitrag berichtigt ist.
24) S. in Stäudlin'S Briefen berühmter Deutscher an Bodmer 1794, in einemBriefe vom April 1744.