18 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
fast immer Schäferspiel und das Schäserspiel Singspiel war. Wer desAristoteles Bevorzugung deS Dramas vor dem Epos billigt, der mußdiesen inneren Reichthum und den Vortheil der Mannichsaltigkeit beson-ders in Anschlag bringen. Das Epos und die naive Dichtuugsweisebleibt bei den geschilderten wirklichen Zuständen stehen, die sentimentalebezieht diese aufJdeen; jene Unterarten thun es unmittelbar, das Dramain jenem großen Sinne, in dem es Shakespeare einen Spiegel der Zeitnannte, thut es mittelbar durch eine freie poetische Schöpfung, und hierfällt der Begriff der Fabel (eines Schauspiels) mit dem des Apologöallerdings zusammen. Das Epos fällt in Zeiten, wo die Kraft der Phan-tasie so lebendig ist, daß sie keiner Hülfe bedarf; aber das Drama insolche, wo die Sinnlichkeit stumpf geworden ist, und wo daher dem Augeeine hluzukommende Nahrung geboten wird, die die erschlaffte Sinnlich-keit und Einbildungskraft unterstützen soll. Indem nun grade, als dieSchweizer auf das Epos fielen, Gottsched sich auf das Drama warf,wäre es wohl natürlich gewesen, daß diese beiden bedeutungsvollenGegensätze der Gegenstand ihres Kampfes geworden wären. Allein sotief freilich faßte man jetzt noch nicht die Angelegenheiten der Dichtungauf, und der Hauptnutzen, der aus den oberflächlichen Streitigkeiten zwi-schen Beiden herauskam, war unstreitig die bloße Anregung ästhetischerKritik überhaupt. Wie diese nachher so weit geübt und fortgeschrittenwar, daß Lessing seine kritischen Einsichten schöpfen konnte, so war esauch möglich, daß ein solcher Mann die Gebrechen und Rathlosigkeitender Zeit mit Bewußtsein durchschaute, und auf die jugendlichen und zeit-gemäßen Gattungen der Dichtung hinsteuerte.
Wir wollen also zunächst sehen, wie sich das neue Leben in den bis-her angebautcn Gattungen verständiger und musikalischer Dichtung auö-spricht, im Lehrgedicht und im geistlichen Liede. Beides führt uns nachder Schweiz hin, aus zwei Männer, deren Einer immer neben Hagedornals Verkünder der neuen Literatur genannt worden ist, der andere immerhätte genannt werden sollen, was jedoch nur Einmal in einem bekanntenGedichte von Bodmer geschehen ist. Jener ist Haller, dieser Drol-lin g er. Zu allen dreien gehören Richey undBrockes unzertrennlich, undsind auch hier nur darum äußerlich getrennt, weil wir überall die Bände-abschnitte an solche Stellen zu legen suchten, wo grade die Einschnittefrüherer und späterer Ideen am schärfsten sind, um anzudeuten, daß es inden Perioden der Geschichte keine grellen Abtheilungen gibt. Wir sehenuns in Beiden plötzlich in ein Land gesetzt, das seit der Reformation undbesonders seit der Ablösung von dem Reichsverbande im westphälischen.