Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

hätten. Herder führt dies Werk weiter und leitet uns in den Geistdes 17. Jahrhö. zu Polyhistorie und Philosophie über. Ganz so uner-wartet, wie man aus dem freien Geist der Volkspoesie im 16. Jahrh.plötzlich in die gelehrte Poesie des 17. Jahrhs. trat, ist man überrascht,Herder» nach und neben seiner Fürsprache für daS Volkslied das Lehrge-dicht anbauen und anempfehlen zu sehen. Eben in diesen Zeiten stehtauch Jean Paul in jenem ganz gleichen Gegensätze zu Wieland, in wel-chem die komischen Romane zu den Ritterepen stehen. Erst wenn manbei Göthe und Schiller angelangt ist, sehen wir uns auf eigenen Füßen.Man hat eS auch sehr gut gefühlt, wie wenig jene älteren Meister selbstän-dig waren; man fand überall ihre Anlehnungen ans. Ihre Zeit selbstgab ihnen jene Ehrennamen, die vielleicht nicht so ehrenvoll sind: sienannte Klopstock unseren Milton, Wieland unseren Voltaire, Jean Paulunseren Sterne und jeden Anderen anders, aber Göthe und Schiller blie-ben ewig sie selbst. So ist auch nichts leichter, als nach den fremdenEinflüssen und nach dem herrschenden Geiste der Nachahmung, nach demVorragen der französischen, englischen, griechischen und deutschthümlichenRichtungen eine Ordnung in die Dinge des vorigen Jahrhunderts zubringen. Auch diese Betrachtung würde überall die Abhängigkeit derfrüheren, und eigentliche Selbständigkeit und Eigenthümlichkeit nur beiden größten und letzten unserer schaffenden Geister darthun.

Auf das mannichfaltigste ließen sich, wenn man dies wollte, dieMerkmale der Verjüngung, d. h. der Revolution, in unserer neuerenLiteratur darlegen. Wie wir eben in der Dichtung im Allgemeinen dierohen und Anfangsgattungen wiederholen sahen, so läßt sich dies vondem Drama im Besonderen Nachweisen. Wir haben alttestamentlicheStücke bei Klopstock, eine Moralität bei Lessing, eine Historie im Götz,Mordspectakel bei Klinger, den griechischen Kothurn bei den Stolbergen.Natur und Jugeud war der laute Ruf des Jahrhunderts, und wie Rousseauzu dem Urstande der Menschheit zurückwies, so klärte man uns die deutscheAufaugsgeschichte und die Urwelt aus, man fing an ein Naturrecht neuzu begründen und legte die Nrgesetze der Barbaren und Hebräer aus,man schrieb für Einsetzung der Juden und der Weiber in die Mensch-heitsrechte; und mit Allem diesem liegt das Wegringen von der conven-tionellen zur natürlichen Poesie, wie es Voß im Leben Hölty's nennt,ausEinec Linie. Eben so bezeichnend ist es, daß sich die neu aufkeimendePoesie einen jungen Boden suchte, der durch längeres Brachliegen neueKräfte gesammelt hatte. Sie wich aus dem erschöpften Schlesien undSachsen, sie drängte sich in Preußen nach Berlin zusammen, und im