und weltlichen Moral, und der Kritik. — Ueberblick. 11
geschichte nicht sicher genug scheint, dem lassen sich zahllose andere voneinfacherem Gespinste bieten. Unter diesen empfiehlt sich besondersEiner auch dem tieferen historischen Betrachter, weil er das Hauptkenn-zeichen einer Revolutionszeit enthält. Das nämlich, was einer solchenUmwälznngsperiode ihre intensive Fülle und dadurch ihren Reiz gibt, istdie erhöhte Lebensthätigkeit in dem Volkskörper, kraft welcher in dem-selben alle Kreise menschlicher Entwickelung, die im gewöhnlichen Lauseder Dinge Jahrhunderte ausfüllen, in verhältuißmäßig kürzester Zeitdurchlaufen werden. Wie die französische Revolution alle Staatsformenpolitischer Entwickelung rasch durchging, so wiederholte sich im vorigenJahrhundert bei uns die ganze Geschichte unserer bisherigen Literaturbis zu den Männern hin, die sie eigentlich erst eine Stufe weiter rückten.Wer also zwischen unserer alten und neuen Literatur so unübersteiglicheKlüfte sähe, der würde verrathen, daß er über geschichtliche Dinge nichtnrtheilen dürfte. Hier eben ist die Geschichte der Literatur am lehrreich-sten, wo sie uns nachweist, in welchemVerhältniß die ältere zur neueren,ohne unser Wissen und absichtliches Zuthun, steht durch die bloßengleichmäßigen Bildungen, die der gleiche Volksgeist in verschiedenen Zei-ten bedingte; denn erst wenn wir dieses Verhältniß durchschaut haben,lernen wir richtig darüber denken, was unsere alte Literatur für unsLebende war und forthin sein wird. Man kann also sagen, daß die Jahre,in denen Ossian und Homer bei uns eingeführt wurden und Klopstockden Bardenton anstimmte, das rasche Wiederbeleben und Wiederdurch-leben unserer ganzen bisherigen Literatur eröffneten. Wie zur Zeit desniederdeutschen Heliand und Otfried's der kirchlichen Dichtung eine ArtKunstwerth gegeben werden sollte, so geschieht es jetzt durch Klopstockund Lavater, die in den ähnlichen Gegenden ähnliche Werke liefern, dieunter sich im ähnlichen Verhältnisse liegen. Wieland beschreibt in einemgroßen Umfange den ganzen Kreis der alerandrinisch-mittelalterlichenProsa und Dichtung, scheiternd an Dramen und Allem, was außerhalbdieses Kreises liegt und im Gedächtniß der Nation erhalten eigentlich nurdurch Ein episches Werk, dessen Stoff aus jenen Zeiten entlehnt ist.Ganz wie unsere mittelalterlichen Epiker individualistrt er Alles, was erentlehnt und übersetzt, nach sich und färbt Alles mit einem frauzösirendenTone. Lessing stellt in allen Theilen die Reformationszeit dar, die, wieEr wieder that, zuerst auf das Drama führte, die den antiken Sinnweckte, die Wissenschaft neu belebte und die Religion läuterte, wie Les-sing Luthern hart auf dem Fuß folgend gethan haben würde, wenn nichtder Mangel an religiösem Interesse und die politischen Ereignisse gehindert