6 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
von dem herrschenden literarischen Geiste des Jahrhunderts mitgerisscn,meinte auch als Schriftsteller groß sein zu müssen, ließ sich gleichsam ineinen Kampf mit der deutschen Literatur ein und unterlag. Kaiser Jo-seph ließ sich von eben diesem Geiste verführen, nach dessen ForderungenPolitik und Regicrungsweise zu richten, und verlor sich in mannichfal-tige Irren. Wir hatten in Deutschland, wie noch jetzt, keine Geschichte,keinen Staat, keine Politik, wir hatten nur Literatur, nur Wissenschaftund Knust. Sie überflügelte Alles, sie siegte allerwege, sie beherrschtedaher alle Bestrebungen der Zeit.
Diese großen Wirkungen machte unsere Literatur nur aus demTrieb der eigenen Lebenskraft, sie war von dem ganzen Theile der Na-tion gefördert, der thätig oder empfangend an ihr Theil nahm, kein Hofund keine Akademie konnte dabei ein vorragendes Gewicht und Ansehngewinnen, keine Nebenabsichten auf ästhetischen Lnrns haben ihr falschenGlanz geliehen. Daher kommt es, daß sie eben so merkwürdig von an-deren Literaturen durch jenen Charakter der Schrankenlosigkeit und Un-gebnndenhcit unterschieden ist, den ihr das junge Naturleben, zu demsie ungehindert aufschoß, mittheilte; und bis auf den heutigen Tag bliebunseren Literaten und literarischen Blättern der Ton von Freiheit undRücksichtslosigkeit, der im vorigen Jahrhundert von tausend Kämpfengenährt ward, als ein Rest, ja als Fortdauer jenes revolutionären Um-schwungs, dem wir das neneLcbenDeutschlands allein zu danken haben,ohne dessen Vorausgang die französischen Einflüsse während des Kaiser-reichs bei uns so wirkungslos vvrübergegangen sein würden, wie inItalien und Spanien. Es giebt nichts Großartigeres, als das Schau-spiel dieser geistigen Umwälzung; es setzt unsere Geschichte im vorigenJahrhundert in den großen Verband mit den Weltbegebenheiten in Ame-rika und Frankreich, und zeigt, nur in einem anderen Gebiete, dieselbenIdeen, die übrigens auch bei unS, außer einem ganz neuen Gesichts-kreise der Bildung, neue Staatsordnungen und eine neue LebensordnnngHervorriesen. Keine Literargeschichte einer anderen neueren Nation hateine ähnliche Gestaltung und Entwickelung erfahren. Zwar die ita-lienische im 15. und 16. Jahrh. stellt in gleich großartiger Fülle einenähnlichen Reichthum neuer Bildung dar, allein es war diese nur dieVollendung einer alten Kultur, nicht der Beginn einer neuen. AuchFrankreichs wissenschaftliche Literatur im 17. und. 18. Jahrh. hat einenähnlichen Revolutionscharakter gehabt und war die natürliche Vorläu-ferin der späteren politischen Umwälzung, allein cs ist gerade das Schönein unserer deutschen literarischen Bewegung, daß nicht die Religion oder