Zollverein, preußisch - deutscher
1267
auf jede andern Transitabgaben als jene Wegegelder. — In Belgien schwankt manzwischen Frankreich und Deutschland; das illiberale Zollsystem Frankreichs stößt diebelgischen Interessen zurück, weil den französischen Steinkohlen-, Eisenhütten- undandem Grundbesitzern, sowie den franz. Fabrikanten die belgische Concurrenz Besorg-nisse einstößt; dagegen ziehen freilich Belgiens und Frankreichs politische Inter-essen beide Staaten gegenseitig mächtig an. Der endliche Abschluß eines Handels-vertrags scheint jedoch von der Regulirun'g der Handelsverhältnisse Englands undFrankreichs abzuhängen; da nun diese noch weil entfernt sein dürfte, BelgiensHandel aber von Holland, Frankreich und Deutschland her gleich sehr beschränktwird, so geht Frankreich mit dem Plane um, Belgien einen Zollverband vorzuschla-gen, wie ihn Preußen den kleinern Staaten Deutschlands — anfangs auch ver-geblich — vorschlug, und zuletzt dennoch durchsetzte. Für Deutschland ist Antwer-pen, der beste Hafen der Nordsee, wichtig; diesen Vortheil verlöre eS, wenn Bel-gien sich in die französische Douanenlinie einschlösse. Ein Reciprocitätsvertragzwischen den deutschen BereinSstaaten und Holland und Belgien könnte vielleichtalle Theile befriedigen. Dies ist, wenigstens wie behauptet wird, die Ansicht desfrankfurter HandelSstandeS, welche bei dem Anschlüsse Frankfurts an den Zollvcr-band wol in Erwägung kommen dürste.
In jedem Falle ist cS für die deutschen BereinSstaaten wichtig, den Gang derHandelspolitik in Frankreich und England zu beobachten. Nach den Stimmen,die man hierüber in den englischen und französischen Aeitblättern vernimmt, zuurtheilen, sollte man allerdings erwarten, daß England und Frankreich ihr Prohi-bitivsystcm möglichst beschränken und ihre hohen Zölle herabsetzen würden. Auchhatten bei den bisherigen Verhandlungen über die gegenseitigen HandelSvcrhäll-niffe, über welche ein britischer Agent, Dr. Bowling, bis zur Auflösung desMelbourne'schen Ministeriums in den französischen Handelsstädten Erkundigun-gen einzog, wie schon oben bemerkt worden ist, sowol der Präsident deS briti-schen HandelSbureauS, Sir Paulet Thompson, als auch der französische Han-delSminister, Graf Duchütel, den Grundsatz der Handelsfreiheit wirklich imAuge. Allein der letztere findet in Frankreich selbst nicht blos bei den Besitzernvon Steinkohlengruben, Hammerwerken und Waldungen, sondern auch beider Mehrzahl von Fabrikanten und Kaufleuten einen so heftigen Widerspruch,daß eS zweifelhaft ist, ob die Kammer der Deputirlen die von dem Minister beab-sichtigten Entwürfe, das französische Zollsystem im Sinne einer aufgeklärten Han-delspolitik zu verändern, unterstützen wird. Denn die meisten Gutachten, welchedie darüber befragten französischen Handelskammern und Fabrikanten an den ober-sten HandelSrath in PariS eingeschickt haben, sind denselben entgegen; selbst solcheHandelskammern haben sich für das absolute Prohibitivsystcm erklärt, bei denendasselbe dem örtlichen Interesse ihrer Umgegend gradezu entgegen ist.
DaS französische indirecte Abgabensystem ist gegenwärtig so beschaffen, daßdie Concurrenz des auswärtigen Handels den französischen Producenten und Fa-brikanten verderblich sein würde. DaS Verbotsystem oder allzu hohe Zollsätze erhö-hen nämlich in Frankreich den Preis der rohen Stoff- übermäßig und vertheuerndadurch die inländischen Fabrikate; sodann sind die Transportkosten in Folge dermit Zöllen beschwerten Schiffahrt und Landstraßen, die hohen Löhne für Hand-arbeit, welche selbst die in England übertreffen, und die OctroiS in den großenStädten Ursache, daß der französische Fabrikant die fremde Concurrenz nicht aus-halten kann. Dies gilt fast von allen Zweigen deS FabrikwesenS, namentlich vonder Tuchmanufactur. Einer Erhöhung der Grundsteuer aber, um die indirectenAuflage« und die Besteuerung der Urstoffe zu vermindern, würde die heftigste Op-position der großen Gutsbesitzer, welche in der Kammer die Mehrheit bilden, zurFolge haben. Ohne eine gänzliche Umbildung des staatSwirthschastlich durchaus
8V*