1698
Würtemberg in der neuesten Zeit
bleibe keine Hoffnung mehr übrig, die Angelegenheiten des Landes zum wahrenWohl desselben mit den Ständen zu berathen, da solches nur bei gegenseitigemVertrauen zwischen ihnen und der Regierung möglich sei".
So endete der Landtag, welchem nachher die Regierung den Namen des „ver-geblichen" gegeben hat. Unter großen Erwartungen begonnen, aber durch Kom-petenzfragen über die Grenzen der ständischen Befugnisse und der RegierungSge-walt unaufhörlich aufgehalten, und in dem Augenblick aufgelöst, als eine MengeVorarbeiten in den Commissionen für die Verhandlung heranreiften, war er aller-dings ohne ein materielles Resultat; wenn man indeß auf das regere geistige Lebenblickt, das sich in diesen constitutionnellcn Kämpfen zum Bewußtsein entfaltete,so gab es seit der constituiccnoen Versammlung keinen bedeutungSrcichern als den„vergeblichen" Landtag. Schon seit mehren Wochen hatte die Regierung in halb-offiziellen Artikeln im „Schwäbischen Merkur" eine feindselige Polemik gegen dieOpposition geführt, und dadurch die Gemüther für die Auflösungsmaßregel vor-zubereiten gesucht. Sie konnte dies mit -um so mehr Erfolg zu thun hoffen, alsdie verkappten Hofpublicisten sich jeden Ausfall erlauben dursten, während die Cen-sur dem angegriffenen Theil jede Vertheidigung abschnitt. Nach diesem einseitigenFederkriege konnte es scheinen, als ob das Bestreben der Opposition, welche dochso manche Männer von bewährter deutschen Gesinnung unter ihren Sprechern zählte,nichts wäre als eine Nachahmung französischer Demagogie, als ob, um von Uh-land, dem auch als Mensch hochgcachtetenVormann der Bewegungspartei, und sei-nen nächsten Mitkämpfern nichts zu sagen, ein Menzel — in der Kammer durchseine geistreiche scharfe Dialektik ein belebendes Element — als ob ein Pflanz —Organ des freisinnigen Katholicismus — der um das Schulwesen verdienteSchmid, Professor in Stuttgart, der gemüthlich launige Scholl — Organ desfreisinnigen Protestantismus — die Beredter der Bürgerausschüsse Murschel undWalz, ersterer der Schöpfer der Opposition in der stuttgarter Bürgerschaft und dieSeele der politischen Vereine; Großhändler und Fabrikanten, wie Zais und Dör-tenbach — Gegner des Systems der hohen preußischen Zölle — ihre Natur so ver-leugnen könnten, daß sie „sranzösirende Bastarde" genannt zu werden verdienten.Und Pfizer, der, fast noch mehr Jüngling als Mann, so talentvoll als anspruch-sos, unantastbar in der Würde eines reinen Charakters dastand, wurde zu einem Ge-genstände der Anfechtung. Dadurch wurden aber nur die Gesichtspunkte verrückt,der Kampf um die Fortschritte des constitutionnellen Systems wurde zu einemPrincipienstreite zwischen Monarchie und Demokratie gestempelt. Unter diesen ein-seitigen, auch nach der Auslösung fortgesetzten Bearbeitungen der Volksmeinung.*)durch Verbreitung zahlloser Exemplare einer Flugschrift „Der vergebliche Landtag"unterstützt wurden, gingen die neuen Wahlen Ende Apr. vor sich. In einem am29. März erschienenen königlichen Manifest wurde die Auflösung durch eine Auf-zählung derjenigen Wohlthaten gerechtfertigt, welche die Regierung dem Volke zu-gedacht hatte, wenn nicht durch die Kammer der Abgeordneten, in welcher eineMinderzahl sich befunden habe, die in feindlicher Richtung gegen das Bestehende,überhaupt gegen alles Ansehen und alle Vortheile erprobter Erfahrung befangendargestellt wird, die bestgemeinten Maßregeln vereitelt worden wären. Zugleichwurden die alten Beschuldigungen gegen Pfizer's Antrag wiederholt, und derselbenicht nur als fricdenstörend, sondern als ein miteinem weitverbreitekenPlan im Zu-sammenhang stehender Act offener Feindseligkeit gegen die Regierung und den deut-schen Bund bezeichnet. Der „vergebliche Landtag" enthielt, um die Gegenwart durchden Contrast zu verherrlichen, eine so schauerliche Schilderung der vorigen Regierung,
-) Später erließ die Regierung an die Dekanatämtcr beider Konfessionen denBefehl, über die „politischen Gesinnungen" der ihnen untergebenen Geistlichen derHähern Behörde Bericht zu erstatten