856 Wächter (Georg Friedrich Eberhard von)
zuvor seine „Theorie der historischen Forschung" (Halle 1820) herausgegeben hatt,und obgleich er in seinem neuen Wirkungskreise zu einer vielseitigen Thätigkeit inAnspruch genommen wurde, so blieb er doch vorzugsweise der historischen Forschun-treu, und bei der Verbindung von Sprach- und Sachstudien im Gebiete der Alter-thumswissenschaft, auf welche sein Amt ihn hinwies, war er bedacht, den Stoffzu cinom Werke über da« griechische Alterthum zusammenzubringen. Dieses Un-ternehmen wurde durch einen länger» Aufenthalt in Kopenhagen und durch den Be-such der bedeutendsten Bibliotheken und Museen Deutschlands gefördert. Er wardindeß, während er mit der Ausarbeitung beschäftigt war, zur Professur der Ge-schichte an der Universität zu Leipzig berufen, die er im Herbst 182S antrat. Erstin dieser neuen Laufbahn konnte W. seine vicljährigen Vorstudien nach ihrem vol-len Umfange zu Leistungen im Gebiete der Geschichte geltend machen. Seine aka-demischen Vorträge umfaßten seitdem die Weltgeschichte, nach seinem „Grundrißder allgemeinen Geschichte der Völker und Staaten" (Leipzig 1826), später nachdem „Leitfaden zu Vorlesungen über die allgemeine Weltgeschichte" (Leipzig 1833),griechische und römische Geschichte und Alterthümer, Geschichte Deutschlands, Ge-schichte der neuesten Zeit, Litcralurgeschichte, Geschichte der europäischen Gesetzge-bung ; auch hielt er zweimal mit Beifall historische Vorlesungen über das Mittel-alter und die neuere Geschichte vor einem Kreise gebildeter Bewohner Leipzigs. Seitseinem Aufenthalte in Leipzig vollendete er seine, mit lauter Anerkennung aufgenom-mene „Hellenische Alterthumskunde" (4 Bde., Halle 1826 — 30). Ihr folgtendie gehaltvollen „Historischen Darstellungen aus der Geschichte der neuern Zeit"(3 Bde., Leipzig 1831—31) und die „Europäische Sittengeschichte" (1. und2. Bd., Leipzig 1831 — 32), die eine Lücke in der historischen Literatur würdigauszufüllen begonnen hat. Eine „Geschichte der Aufstände und Kriege der Bauernim Mittelalter" hat er in Raumer'S „Historischem Taschenbuche" für 1831 ge-liefert.
Wächter (Georg Friedrich Eberhard von), wurde geboren am 28. Febr.1762 in dem Städtchen Balingen im würtembcrgischen Oberlande, wo sein Va-ter, der eine zahlreiche Familie besaß, damals herzoglicher Oberamtmann war.Durch die Versetzung des Vaters nach der Hauptstadt, wo dieser bis zur Stille einesGeheimraths und Präsidenten des evangelischen ConststoriumS gelangte, warenauch dem Sohne die Aussichten auf eine glückliche Laufbahn im Dienste des Staatsoder der Kirche eröffnet. Er war von seinen Ältern zum geistlichen Stande be-stimmt und mußte zum Griechischen auch das Hebräische lernen; aber die Abneigunggegen den «»gesonnenen Berufsprach sich zu entschieden aus, als daß man weiterin ihn zu dringen für gut erachtet hätte, zumal da noch die eine und andere nachdamaligen Begriffen gleich ehrenvolle Bestimmung ergriffen werden konnte. Je-doch die wahre Neigung, welche W. von einer kunstsinnigen Mutter aus dem be-rühmten Geschlechte der Bilsingcr ererbt hatte und die, wiewol mehr in technischerRichtung, ein jüngerer Bruder, Karl, der sich später als Miniaturmaler ausge-zeichnet hat, theilte, die Neigung zur bildenden Kunst zu befriedigen, dazu konnte, sich bei seiner und der Zeit Ansicht von diesem Berufe der Vater nicht entschließenund wurde darin durch die Zustimmung deS Regenten lange bekräftigt, in dessenhoher Schule, der Karlsakademie zu Stuttgart, W. genöthigt war, die cameral-wissenschaftlichen Collegien zu hören, um mit der Zeit in den Staatsdienst einzu-treten. Allein das Genie brach unaufhaltsam hervor und sprengte die Fesseln desVorurtheilS. Der Herzog selbst entschied sich dafür, den Jüngling in die Kunst-schule aufzunehmen, nachdem die erste Bekanntschaft desselben mit Raphael inVolpato'S Stichen nach den vatikanischen Stanzen ihn ebenso sehr innerlich aufge-regt und für die Kunstwclt begeistert als in Hinsicht auf die in seine» äußern Ver-hältnissen bestehende Schranke beinahe zur Verzweiflung gebracht harre. Seitdem
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