Volksschulwesen 845
den, daß auch in Deutschland und von Deutschen noch etwas zu lernen sei. Einaufgeklärtes, die geistigen Interessen des französischen Volkes richtig beachtendesMinisterium schickte 1831 den Staatsrath Cousin — jetzt Puir von Frankreichund längst als sinniger Erklärer Plaion's und philosophischer Forscher bekannt —nach Deutschland, mit dem besondern Auftrage, Deutschlands und namentlichPreußens Unterrichlswesen in all seinen Theilen kennen zulernen, und darüberzum Besten seines Vaterlandes zu berichten. Sein Bericht liegt schon seit fast zweiJahren dem Publirum vor. Cousin fodert darin das Ministerium und alle Bestemseines Volkes auf, Frankreichs Schulwesen nach dem Muster des deutschen umzu-gestalten und einzurichten. „Die Erfahrung Deutschlands — so schließt er seinenBericht — besonders Preußens, muß für uns nicht verloren gehn; Nationaleifer-sucht »nd Nationalempfindlichkeit würden hier Übel angebracht sein. Die wahreGröße eines Volks beruht nicht darauf, Andem in nichts nachzuahmen, sondernbesteht darin, überall, was gut ist, zu entlehnen und es zu vervollkommnen, in-dem man es sich aneignet. Mir der Schnelligkeit und der Richtigkeit des französi-schen Geistes, mit der unzerstörlichen Einheit unsers Nationalcharakters könnenwir uns das Gute, das andere Völker besitzen, aneignen, ohne fürchten zu müssen,daß wir aufhören werden Franzosen zu sein. Gestellt im Mittelpunkte Europas,alle Klimate besitzend, an alle gesitteten Völker angrenzend und in beständiger Be-rührung mit ihnen, istFrankceich wesentlich weltbürgerlich; grade daher rührt seinhoher Einfluß, und das gesittete Europa bildet gegenwärtig nur eine und dieselbeFamilie. Wir ahmen vielfach England nach in allem, was sich auf das äußereLeben, auf gewerbliche und mechanische Künste bezieht; warum wollten wir dennerrölhen, etwas, das innere Leben der Geistesbildung betreffend, dem guten, recht-lichen, frommen und gelehrten Deutschland zu entlehnen? Was mich betrifft, sokann ich mich einer hohen Achtung und einer besondern Zuneigung gegen die deut-sche Ration nicht erwehren, und fühle mich glücklich, daß meine Sendung ihr ge-zeigt hat, daß unsre JuliuSrevvlution nicht, wie ihre Feinde sagen, eine Rückkehrsei zu der Ruchlosigkeit, Ausgelassenheit und Verderbtheit einer unheilvollen Zeit,sondern im Gegentheil die Losung zu einer allgemeinen Vervollkommnung in Mei-nung und Sitten, da eine der ersten Handlungen derselben dem heiligen Unterneh-men der Verbesserung des öffentlichen Unterrichts gewidmet war, von welchem dieVolksbildung die Grundlage ist." Das freimüthige Wort der Wahrheit aber fandEingang; dem UntcrrichtSminister G uiz ot (s. d.) war es vorbehalten, Frank-reichs Volksschulwesen von Grund aus umzugestalten nach Cousin's Vorschlägen,indem Ludwig Philipp s Minister in seinem Sinn und Namen es laut auS-sprach, daß Volksbildung als erstes Bedürfniß der Nation und erste Pflicht der Re-gierung anzuerkennen sei. Mir der Ausführung des neuen Gesetzes ist die franzö-sische Regierung jetzt noch beschäftigt; möge keine Störung des Friedens, wedervon Innen noch von Außen, sie daran hindern! Alles, dieses Gesetz betreffende,sind« sich mit den nöthigen Zugaben zusammengestellt in einer interessanten SchriftKröger's „Über das neue französische Gesetz, das Unterrichtswesen betreffend" (Al-tona 1834). Auch in England zeigt sich, besonders durch den edlen LordkanzlerVrougham angeregt, in der neuesten Zeit ein höchst erfreuliches Interesse für denVolksunterricht, und zwar nicht allein auf dem Wege der Pfennigliteralur undTaschenbibliothcken, sondern auch durch Beantragung, Errichtung und Förderungguter Volksschulen. Freilich ist auch das Bedürfniß, trotz den Bemühungen der!»r Verbreitung des Bell-Lancaster'schen Systems thätigen Lritisk onck loroißuecixwl-evciel;-, in jenem so oft hochgepriescnen Jnsellande noch schreiend und un-glaublich, ftdaß man von vielen Distrirten wohl sagen darf: „Finsterniß decketVolk". In der Hauptstadt allein schätzt man — nach einem der letzten aml-iuhen Berichte der Kations! srkool-oaciot^ — die Zahl der ohne Erziehung und