Druckschrift 
Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
731
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Vamhagen von Ense 731

ihr volles Eigenthum, ihr ursprüngliches Erzeugniß. Nie hörte oder las man vonihr, auch über die alltäglichsten Gegenstände, irgend einen Ausspruch, der nichtentweder durch überraschende Wahrheit, treffenden Witz, durch Neuheit des Ge-dankens oder des Ausdrucks, durch geistigen Inhalt oder glückliche Wendung et-was Besonderes enthalten und dennoch anspruchloS als frischgepflückte Gabe derNatur sich dargeboten hätte. Wort und Ausdruck waren stets sowol dem Gegen-stände als dem augenblicklichen Verhältniß, unter welchem sie hervortraten, aufsrichtigste angepaßt. Wahrheitsliebe fand den Gedanken und Menschenliebe sprachihn auS; so kam ihm Form und Inhalt. Aus dieser zwiefachen Liebe entsprangin ihr Alle«: Strenge gegen eigne, mehr noch als gegen fremde Fehler; Aufrich-tigkeit über beide bei nie mangelnder Schonung und stets erneuerter Geduld; freu-dige Anerkennung fremder und würdiges Bewußtsein eigner Vorzüge; aufopferndeHingebung und unvertilgbare Versöhnlichkeit, schärfste Auffassung und eigen-thümlichste Darstellung; hohe Kraft im Unglück und freudiger Genuß des Glücksbeim tiefsten Gefühl für beide. Jenes war bei ihr fast immer ein Werk deSäußern, und Dies ihres innern Lebens. Dies wissen von Rahei Diejenigen, die siekannten. Was aber weiß von ihr die Welt, die Geschichte, die Literatur? Auchdafür ist gesorgt. Jenes stete Bedürfniß, sich und Andern klar zu werden, fandnicht im Gespräch allein Befriedigung, auch der schriftliche Ausdruck mußte demBewußtsein und der Mittheilung unablässig zu Hülfe kommen, und so entfielenihrer Hand unzählige Briefe, einzelne Blatter, Bemerkungen, Aektelchen, stetsfrische Denkblatter inhaltreichen Lebens. Das Meiste ihrer Correspondenzen ist,theils durch absichtliche Vernichtung, theils durch Unbeachtung, zwar verloren ge-gangen, doch aber Vieles und Wichtiges noch vorhanden, wovon freilich um derkleinste Theil für jetzt zur Mittheilung geeignet ist. Nie schrieb sie etwas für denDruck, nie auch nur in dem Gedanken daran, immer nur einzig für die bestimmteAbsicht des Augenblicks mit freier Hingebung. ganzer Aufrichtigkeit und reinsterNaivetät, die niemals durch das immer vorhandene klare Bewußtsein, auch imAlter nicht, gestört wurde Sie hat den schriftstellerischen Ruhm nicht gesucht undnicht erlebt; derRuhm aber sucht sie und wird sie überleben. Unter d. Tit. iRahel,ein Buch des Andenkens für ihre Freunde" (Berlin 1833), hat ihr Gatte auS jenenBriefen und Blättern eine reiche Auswahl der Welt erhalten, die, zwar anfänglich nurin einer mäßigen Anzahl verschenkter Eremplare verbreitet, in und außer Deutschlandlebha'-te Theilnahme erregt hat. Jede treue Selbstdarstellung, auch des einfach-sten Menschen schon, ist eine werthe Gabe; wie sehr aber erhöht sich dieser Werthhier, wo die schönste, gediegenste Menschennatur sich mit Bewußtsein als eignesKunstwerk in der Schrift abspiegelt mit allen Umgebungen ihrer Zeit und ihresSchauplatzes. In diesem Buche wird man Rahel abstchtloS von sich selbst ge-zeichnet wiederfinden, wie sie hier geschildert ist. Poesie und Geschichte erscheinendarin in vollkommener Identität, indem sie ihr Leben durch die Wahrheit der Dar-stellung zur Poesie erhoben, und die ihr inwohnende Poesie durch ihr Leben inwahrhafte Realität vewandelt bat. So wird es auf die Nachwelt übergehen. Eineerste Mittheilung von Briefstellen über Gökhe gab Varnhagen von Ense imMorgenblatt", 1812. Sie machten Aufsehen, auch Göthe war davon erregt;sie wurden aber nicht fortgesetzt, und Rahel's Name blieb dabei verschwiegen.Ähnliche Bruchstücke, gleichfalls ohne sie zu nennen, erschienen imSchweizeri-schen Museum", 181.6; hierauf wiederum einiges 1821 in der ZeitschriftDieWage" und 1830 in Fouquc'sBlättern für Frauen". In Folge dringender Auf-foderungen ist das BuchRahel" 1834 auch in öffentlicher Herausgabe, und zwarbis auf drei Bände (100 Bogen) vermehrt, erschienen. Der vollständige Brief-wechsel, soweit er noch erhalten ist, würde, wie man versichert, mehr als zehn Bändeausmachen, DerJnhalt soll jedoch die Mittheilung erst in spätern Jahren gestatten.