Druckschrift 
Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
729
Einzelbild herunterladen
 

72S

>»!v>

l ÄA

Mit«»

?!»«lt

»blicht

«tkiis

Ai»j»

»i.rilÄ

»M«b

»,Wi-

AMRtoenÄ.« »l> Ä

«IllltM

«r«

j,WA

Ssi»bp

gl«>^

nS

<?

Varnhagen von Ense

beide Humboldt, Ludwig und Friedrich Tieck, Hans Genclly, von Brinkmann,Veit, von BurgSdorf, von Gualtieri, Gras von Bernstorff, Navarro, von Cuhnund so viele andere Diplomaten, Gelehrte und Künstler brachten und fanden hiergeistige Belebung und Anregung. Viele von ihnen sammelten in diesem Kreise,und nach ihrem eignen Geständnis in Rahel's Unterhaltung so manchen Keim,der in spätern Welt- und Kunstgestaltungen als Frucht hervortrat. Solche Gesel-ligkeit, in der Rahel den erfreulichsten Lebensgenuß fand und mittheilte, wurdenur unterbrochen oder eigentlich nur nach andern Schauplätzen verlegt durch kleineReisen, die nach Freienwalde, Leipzig, Schlesien, Karlsbad, Teplitz und Ppr-mont unternommen wurden, und den Kreis ihrer Anschauungen, ihrer Lebens- undMenschenkenntnis erweiterten.

Unter manchen Bewerbern halte sich um 1797 ein junger Mann ausgezeich-net, dessen Neigung erwidert wurde. Er gehörte einer der ausgezeichnetsten Fa-milien des Landes an; sein Vater war StaatSministcr. AIS die Hcirath sich ent-scheiden sollte, regte sich das Adelsgefühl der Familie, die doch übrigens vorur-theilsstei genug war und dies auch in der Folge durch viele ihrer eingegangenenVerbindungen bethätigte; man widersetzte sich nicht gradezu, aber inan hoffte ab-zulenken. Der junge Mann begann einen Augenblick zu schwanken, und Rahel,die den Schwankenden leicht herüberziehen und durch ein Wort für immer bestim-men konnte, entschied nun den Bruch, zu stolz und zu rein, um etwas zu wollen,das nicht vollständig aus sich selbst alles Das wäre, was es sein mußte, um Echtesund Beglückendes zu sein. Nach dieser Wendung, die einem Charakter, wie demihrigen, als eine große Schicksalskränkung erschien, machte sie mit einer Freundin,Gräfin von Schlaberndorf, eine Reise nach Paris, wo sie auch mit Frau vonHumboldt zusammentraf. Nach einem Aufenthalt von ungefähr einem Jahrekehrte sie über die Niederlande und Holland, wohin ihre jüngere Schwester inzwi-schen sich verheirathet hatte, nach Berlin zurück. Hier wurde sie von einer schwe-ren und langwierigen Krankheit befallen, von welcher sie langsam genas. Damalserfüllte eine neue Leidenschaft ihr Gemüth, die nach den darüber vorhandenen An-deutungen an Größe, Erhebung und Unglück alles von Dichtern Besungene über-traf. Rahel, die sich selbst und Solchen, die ihres Vertrauens werth waren, ihrInneres frei zu enthüllen strebte, hat auch über dieses Geschick ihres Lebens sichmündlich, wie in Briefen und Denkblättern offen und ohne Rückhalt ausgespro-chen. Diese Papiere, das schönste Denkmal ihres innern Lebens, sind leider ver-schwunden, weshalb wir Weiteres hierüber zu vernehmen, für jetzt nicht hoffendürfen. Die Unglücksfälle, die im Jahre 1806 über Preußen hereinbrachen, tra-fen Rahel nicht nur in ihrer Liebe zum Vaterlande, sondern auch in ihren eigensteninnern und äußern Lebensverhällnissen aus das Schmerzlichste. Prinz Louis Fer-dinand, der geniale, heldenmüthige Mann, der in ihrer Freundschaft seine reinstenEmpfindungen, seine edelsten Erhebungen genährt, der ihr jede Regung seinesGeistes und Herzens vertraut, war bei Saalfeld geblieben; der ganze Kreis vonausgezeichneten, theilnehmenden Freunden zerrissen und zerstreut. Ihre durch dasallgemeine wie durch besonderes Unglück zerrütteten VcrmögenSumständc zwangenzu strenger Beschränkung und schreckten mit größern Besorgnissen, zu einer Zeit,«o ihre schwankende Gesundheit sorgfältige Beachtung gebot. All dieses Misgc-schick, so tiefes ihr Gemüth ergriff, konnte dennoch niemals ihre rege Theilnahmeam Leben, an Wissen und Kunst, an den Weltereignissen, an dem Wohl undWeh des kleinen Kreises der noch nahe gebliebenen Verwandten und Freundeunterdrücken und wer damals mit ihr umging, konnte dieselbe Fülle ursprünglichenGeisteslebens genießen, die sie jetzt wie früher unerschöpflich ausströmte. ImFrühjahr 1808 lernte Varnhagen von Ense, ihr nachheriger Gatte, sie näher ken-nen, gewann bald ihr volles Vertrauen und ihre Zuneigung, und faßte, von der