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Varnhagen von Ense
die Brau! deS Großfürsten Michael, die Prinzessin Charlotte von Würtemberg,nach Petersburg, und wurde dort auf mannichfache Weise durch Ehrenbezei-gungcn ausgezeichnet, und nach seiner Rückkehr zum Generallieutenant ernannt.Dieselbe Reise unternahm er zwei Jahre später abermals, um nach dem To-de des Kaisers Alexander dem neuen Herrscher den Glückwunsch des Königszu überbringen. Von diesem Zeitpunkte an litt seine Gesundheit, die besonder»durch den rasch aufeinander folgenden Tod zweier hoffnungsvollen Kinder erschüt-tert wurde. Seine Anwesenheit in Stuttgart bei der Sländeversammlung imWinter 1830 und die damit verknüpften Arbeiten steigerten seine Leiden, denener am 28. Sept. 1830 erlag. In ihm verlor der Staat einen in allen, auchden schwierigsten Verhältnissen erprobten Diener, die Armee einen ihrer er-fahrensten, talentvollsten Offiziere, seine Umgebungen den redlichsten liebevollstenFreund. (40)
Varnhagen v p n E n s c (R a h e l Antonie Friederike), geboren im Jun.1771 zu Berlin, gestorben ebendaselbst am 7. März 1833. Ihr Vater, LevinMarcus, war ein wohlhabender, in Welt und Geschäften erfahrener Mann, aus-gezeichnet durch belebten Geist, berühmt wegen seines scharfen Witzes. Die Mut-ier, eine sanfte, fromme und dabei muntere Frau, brachte nach vielen zu frühzei-tigen Niederkünften in Rahel das erste lebende Kind zur Welt, welches aber soklein und zart war, und so schwach schien, daß man dasselbe in Baumwollegehüllt eine Zeit lang in einer Schachtel aufbewahrte. Rahel bekam in der Folgenoch drei Brüdcr (unter diesen den Dichter Ludwig Robert) und ein« Schwester.Schon in den frühesten Jahr.n erschien sie als ein außerordentliches Kind undwurde der entschiedene Liebling des Vaters, dessen Zuneigung aber, als eines ge-nialen, unumschränkt gebietenden und seltsam launenhaften Mannes, oft mehrLeiden als Genuß verursachte. Umgang und Beispi.l dienten statt eigentlicher Er-ziehung; eine vornehme Geistesrichkung waltete in der Lebensart, den Beschäfti-gungen und Urtheilen; Unterricht in bestimmten Kenntnissen wurde sehr versäumt.Desto freier und selbständiger aber dursten sich Gemüth und Verstand entwickeln.Rahel wurde schon in der Kindheit und bei zunehmenden Jähren immer mehr alsein Phänomen geistiger Begabung angestaunt; ihre lebendigen und eigenthüm-lichen Worte citirte man, suchte man hervorzurufen, und that dies um so lieber, alsihre überraschenden, oft humoristischen und witzigen Äußerungen nie verwundeten,sondern meist nur durch Macht der Wahrheit und durch Licht der Gedanken glänz-ten. Nach des Vaters Tode befand sich Rahel in günstiger Lage bei ihrer Mutter,welche den Geist der Tochter um so freier gewähren ließ, als sie in ihr die kindlichsteLiebe, sowie die zarteste Gcschwistersorg« thätig und ihr ganzes Betragen von derstrengsten und edelsten Wahrhaftigkeit, sowie von dem richtigsten Verstände ge-leitet sah. Von Kindheit an durch ihre Natur zu selbständigem Nachdenken undeigenster Auffassung hingerrieben, mußte Rahel Alles, was sie war und wußte,frei aus sich selbst erzeugen. Überlieferung durch Unterricht konnte ihr kein Mittelder Erkenntniß sein. Sie klagte, daß sie von ihren Lehrern, die jeden Lehrgegen-stand aus einem ihr fremden Gesichtspunkt nahmen, nichts lernen könne, als wasetwa zufällig sich ihrer eignen Gedankenrichtung einfügte. Um so tiefer, eigen-thümlicher und überraschender war die Bildung, mit welcher sie in die Gesellschaftleitend, belebend und begeistigend Angriff. Der Charakter der damaligen Bildungwar überhaupt, im Gegensatz der heutigen isvlirten und isolirenden, ein durchausgeselliger. So sammelte sich denn auch früh schon um Rahel'S originelles Geistes-leben eine anregende Geselligkeit, deren Kreis sich stets erweiterte. Einheimischeund Fremde von Auszeichnung und Geist, mehre schon damals, viele später be-rühmt und in die Weltgeschick« eingreifend, suchten ihre Nähe und wurden heimischjq ihrem kleinen Gesellschaftszimmer. Männer wie Gentz, Friedrich Schlegel und