718 Universitätswesen
hier noch keine Spur. Die Idee der Einheit des deutschen Volkes wurde nur alsgeistige Einheit aufgefaßt, und nur in dem Studentcnleben selbst sollte sie auchäußerlich in der Einen Gemeinschaft aller Stud-nten dargestellt werden, und darinstellte sich die Burschenschaft allen landsmannschaftlichen Trennungen entgegen.Ueberhaupt beschränkt« sich die Burschenschaft mit ihren Bestrebungen ganz auf dasStudcntenleben-, sie dachte nicht daran, schon jetzt in die politischen Bewegungender Zeit handelnd einzugreifen, und nur „Ausbildung jeder geistigen und leidlichenKraft zum Dienste des Vaterlandes" stellte sie in ihrer Verfassung als Zweck desBurschenlebens auf. So gestaltete sich das Studentenleben, so lange man ihmFreiheit gestattete. Da begannen die AwaugSniaßregeln der Regierungen. DasWartburgsfcst mit der aus jugendlichem Übermuth entsprungenen Bücherverbren-nung ward zum Staatsverbrechen gestempelt. Das hierauf erhobene allgemeineGeschrei von der politischen Gefährlichkeit der Burschenschaft erregte erst in vielenihrer Mitglieder, die vorher eine solche Gefährlichkeit nicht geahnet hatten, denDünkel, daß sie es sein könnten, und dieser Dünkel und der Widerstand, den manihren Bestrebungen entgegenzusetzen anfing, reizte Einzelne bis zur politische»Schwärmerei, zum Fanatismus auf, während die große Mehrheit sich nochimmer in den Schranken der Mäßigung erhielt. Sand'S blutige That hattedarin ihren Grund. Sie wurde, obgleich fast allgemein von den Mitglieder»der Burschenschaft gemißbilligt, dennoch als hervorgegangen aus dem Geistder Burschenschaft betrachtet. Nun wurde die Burschenschaft verboten, und dieUntersuchungen über demagogische Umtriebe unterwarfen viele ihrer Mitgliederharten Verfolgungen. Jetzt erst erwachte in den burschenfchastlich Gesinnten derGeist der Opposition gegen die Regierungen, jetzt erst wurde der vorher kaum ent-schieden liberale Geist derselben in einen reoolutionnairei, verwandelt. Die Bur-schenschaft wurde aus ihrer bisherigen heilsamen Öffentlichkeit in das Geheimniß,das gefährlichste Gift für Studentenverbindungen, zurückgedrängt, und verlordadurch ihre politische Unschuld. Die zahlreichen Verfolgungen weckten denStolz und Starrsinn des Märtprlhums, reizten und steigerten den Haß und dieErbitterung. In dieser durchaus unrichtigen und zweckwidrigen Behandlungsweisehat man fortgefahren bis auf die neueste Zeit, wo die politische Aufregung seit derJuliusrevolution auch der politischen Begeisterung der studircnden Jünglinge neuenZündstoff gab. Auch diese Periode des heftigern KampfeS um Freiheit und Rechthätte die Gemüther der Jünglinge nur zu edler reiner Begeisterung erwecken können,wäre ihnen gestattet worden, sie in ihrer Sphäre des StudententhumS frei auszule-ben ; aber diese war ihnen verschlossen, das Gift des Geheimnisses und der Verfol-gungen war einmal ausgesäet und wurde ferner ausgesäet, und so geschah es na-türlich, daß Viele, von dem gewaltigen Sturme der Zeit hingerissen, den schreck-lichsten politischen Verirrungen anheim sielen. Gewiß aber geschah dies nicht durchdie Schuld der Universitäten und ihrer Studentenfreiheit, sondern außer der Ge-walt der Zeltverhältnisse, die ja nicht blos Studenten, sondern auch viele Andere
merkenswerth ist auch noch folgende Stelle: „Bor allen ward das Duell vielfachgetadelt, ja oft ganz verworfen und bald selbst ohne Nachtheil Derer, die sich zudieser Ansicht bekannten. Durch die Ehrengerichte erreichte man allmätig ihre Ver-minderung in einem Grade, der all- Erwartung überstieg. Im Sommer ISIS(vor Stiftung der Burschenschaft) fanden einst in Jena SS Duelle an Einem Tage,147 in einer Woche unter 350 Studenten statt. Im Sommer 1318 gestattete dasEhrengericht die Ausfechtung von 11 Zweikämpfen unter 750 Studenten; ungefähr40 wurden vor dasselbe gebracht. Kein Zwcikampf aber kennte vor sich gehenohne Spruch des Ehrengerichts. - „Schwerlich", setzt der B-rfasscr sehr richtighinzu, „dürfte es Behörden gelingen, das Unwesen des Iweikampfes durch strengeGesetze und Strafen auszurotten. Die Erfahrung hat gelehrt, daß diese drohendenFolgen nur die Gefahr der Zweikämpfe vermehren."
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