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Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
714
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714 Univcrsitätswcsen

fassung der Wissenschaft ist ganz unmöglich, ohne einen gewissen Grad von Festig-keit und Selbständigkeit des Charakters, d. h. ohne die Kraft des Willens in derSelbstbeherrschung der Gefühle und Neigungen nach festen Grundsätzen. Wo diesenicht ist, da ist daS Gemüth einem wechselnden Spiele der Gefühle und Leiden-schaften unterworfen, da werden also auch die wissenschaftlichen Ansichten dem glei-chen Spiele unterliegen. Überhaupt läßt sich nicht die eine Richtung geistiger Thä-tigkeit von der andern isolirt ausbilden, also auch nicht die intellektuelle isolirt vonder praktischen; die Eine ist immer bedingt durch die Andere und eine gesunde Aus-bildung ersodcrt nothwendig ein Gleichmaß beider. So kann also die Universität,ohne ihren Zweck der wissenschaftlichen Ausbildung selbst zu vernichten oder doch zubeeinträchtigen, durchaus nicht den Zweck der selbständigen Charakterbildung vonsich ausschließen. Die traurigen Wirkungen einer von aller praktischen Ausbildunglosgetrennten wissenschaftlichen Bildung liegen uns in unsern deutschen Stubenge-lehrten vor Augen, die, daS Leben nicht kennend und in demselben zu bandeln un-vermögend, auch ihre zur todten Gelehrsamkeit zusammcngedorrte Wissenschaftohne Früchte für das Leben mit in das Grab nehmen. Die Ausbildung der Selb-ständigkeit des Charakters ist aber, wie sich von selbst versteht, nur in der Freiheitmöglich, wo dem Menschen gestattet ist, sich selbst zu bestimmen, aus selbständi-gem Entschlüsse zu handeln. Von dem Gehorsam und Zwang der Schule also mußder Jüngling, wenn er die Universität bezogen, befreit sein, er soll hier frei seineEigenthümlichkeit auS sich selbst entwickeln, auf eignen Füßen stehen lernen; ersoll aber nicht allein von dem Zwang der Schule, sondern auch von den starren be-engenden Formen der bürgerlichen Convenienz und Sitte noch befreit bleiben, son-dern er soll sich in der Gemeinschaft des Skudentenlebens und durch sie seine Sittefrei selbst bilden. Eine bessere Schule zur Bildung der Selbständigkeit des Charak-ters kann eS wol kaum geben, als eben diese freie Gemeinschaft des Burschenlebcns.Hier, wo Vornehme und Geringe, Arme und Reiche, als Gleiche neben einanderstehen, hier gilt Jeder nur so viel als er durch seine Kraft sich geltend zu machenvermag, hier, wo Jünglinge aus den verschiedensten Gegenden und Ländern, ausden verschiedensten Ständen und Verhältnissen, von den verschiedensten Eigenthüm-lichkeiten, Sitten und Gesinnungen zu gleichem wissenschaftlichen Streben in einemfreien Gemeinwesen zusammen leben und sich gegenseitig zur Selbstthätigkeit an-regen, hier wird die Kraft eines Jeden zur freien Thätigkeit und Entwickelung derEigenthümlichkeit mächtig hervorgerufen. Wer nicht in dieser Periode des Lebensund in dieser Schule der Charakterbildung zu der Selbständigkeit des Charakterssich cmporzuringen vermag, der wird sie wol schwerlich später erreichen, wenn diebeengenden Formen der Convenienz und Sitte des bürgerlichen Lebens ihn um-geben, wenn er dem Mechanismus des Staatsdienstes sich unterwerfen muß, wenndie drückenden Verhältnisse seines persönlichen oder häuslichen Lebens ihn belasten ;der wird wol immer schwankend oder knechtisch gesinnt bleiben. Nicht genug zu be-herzigen sind daher die Worte Jean Paul's (SiebenkäS I. 67): , Von der Freiheitdes Jünglings muß die des Mannes zehren. Ein gebogener Musensohn kann nichtswerden als ein kriechender Beamter auf allen Vieren". Sehr beklagenswert!; istes daher, daß diese Freiheit des Burschenlebcns neuerdings so vielfach und hart ge-stört, beschränkt und verletzt worden ist, sodaß die Universitäten in dieser Hinsichtkaum noch einige geringe Überreste von ihrer ursprünglichen Verfassung erhaltenhaben. Wir können nicht denken, daß die Regierungen, von welchen Maßregelndieser Art ausgegangen sind, mit Bewußtsein die verächtliche Absicht gehabt haben,sich dadurch solchekriechende Beamte auf allen Vieren" zu erziehen, sondern wirglauben vielmehr, daß eine Verkennung der tiefern Bedeutung dieser Einrichtung,die Beobachtung vieler tadelnswerthen MiSbcäuche derselben und Besorgnis wegenpolitischer Verirrungen die Veranlassung dazu gegeben hat. Nicht zu leugnen ist