Universitätswescn 713
liegt, ist der dritte Theil der akademischen Freiheit, die sogenannte Burschenfreiheitoder die Freiheit in dem geselligen Leben der Studenten. Diejenigen, die so un-günstig über diese Einrichtung urtheilen, sehen dabei gewöhnlich nur auf die deroberflächlichen Beobachtung des deutschen Studcntcnlebens zunächst entgegentre-tenden Erscheinungen der Rohheit und Verwilderung in den Sitten der Studiren-den, der Störungen der öffentlichen Ruhe durch allerlei gewaltsame Excesse, der oftsogar sittlichen Entartung und offenbaren Rechtsverletzungen, die als verderblicheAuswüchse der Burschenfreiheit weder geleugnet noch gerechtfertigt werden können.Aber man unterscheidet bei dieser Beurtheilungsweise nicht den Misbrauch von derSache selbst, ferner nicht die Ausbrüche des jugendlichen Ubcrmuths von wirklichersittlicher Verdorbenheit und man verkennt endlich den engen Zusammenhang, inwelchem diese Burschenfreiheit mit dem ganzen Zwecke des Universitätswesens steht.Wäre, wie behauptet wird, jenes freie Studentenleben nur ein Tummelplatz derGemeinheit und sittlichen Verderbthcit, woher käme denn bei den Meisten, dieeinst darin lebten, jene froh begeisterte Erinnerung an ihre eigne Studirzeit, die ihnennoch im späten Alter als die schönste und reichste Periode ihres Lebens erfrischend vorder Seele steht? Setzt dies nicht voraus, daß hinter der rauhen Hülle doch nochein Kern eines bessern, schönern Lebens verborgen liegen müsse? Sind cS nicht dieVerhältnisse der reinsten und innigsten Freundschaft, ist eS nicht die jugendlichfrische gemeinsame Begeisterung für die höchsten Ideale des Lebens, die wir injenem freien Burschenleden fanden? Oder glauben etwa die Ankläger der Studen-tenfreiheit, daß nur zu ihrer Zeit jener gute Geist im Studentenleben herrschte, daßdieser jetzt ganz erloschen sei? Dies wäre wenigstens nicht die Schuld der Freiheit,da dieselbe nur wol noch in größerer Ausdehnung auch damals stattfand. Aber ihreMeinung beruht wol überhaupt nur auf einer Täuschung; sie haben ihre eigneJugend vergessen, sie können sich nicht mehr in jene Gemüthsstimmung des jugend-lichen übermuths und der überströmenden Kraft zurückversetzen, die oft über die ge-wöhnlichen Schranken der Sitte und des Rechts hinausführt. Übrigens soll jaauch die Burschenfreiheit durchaus nicht darin bestehen, den Studenten alle undjede Excesse und strafbare Handlungen frei zu gestatten, sie von allen Gesetzen undaller Ordnung zu entbinden. Vielmehr ist es die Aufgabe der bcsondem diScipli-narischen Gerichtsbarkeit, denen die Studenten unterworfen sind, und die ernstePflicht Derer, denen ihre Handhabung obliegt, jede wirklich rechtswidrige undsittlich schlechte Handlung auf das Strengste zu ahnden. Nur innerhalb dieserSchranken des Rechts und der Sittlichkeit soll das Studenlenleben sich frei bewegenund gestalten dürfen, hier soll für alle Einzelnen in der Lebensweise und Sitte diegrößte Mannichfaltigkeit und Eigenthümlichkeit gestattet sein, und der ganzen Ge-meinschaft soll die Anordnung ihres gesellschaftlichen Lebens, ihrer Gebräuche undUmgangsformen, der Formen ihres Gemeinwesens rc. ganz frei überlassen bleiben.Hauptsächlich also beschränkt sich diese Burschenfreiheit nur auf die Unabhängigkeitder äußern Sitte von den Formen der Convenienz des bürgerlichen Lebens und aufdie Enlbundenheit von einer schulmäßigen Zucht und Beaufsichtigung ihres Privat-lebens. Eine solche Burschenfreiheit nun hängt nothwendig mit dem Zwecke derErweckung des freien wissenschaftlichen Geistes zusammen. Wie dieser wissen-schaftliche Geist eine lebendige, von den beengenden Formen des bürgerlichen Lebensunabhängige wissenschaftliche Gemeinschaft und Mittheilung der Sludirenden un-tereinander erfodere, ist schon oben gezeigt worden; und schon diese kann nur zuStande kommen unter der Bedingung eines freien Studentenlebens überhaupt.Vorzüglich aber kommt es auf die Anerkennung des wichtigen Grundsatzes an, derleider viel zu wenig beachtet wird, daß die Universitäten, wen» sie im wahren, vol-len Sinne Bildungsanstalten zur Wissenschaft sein wollzn, nothwendig auch denCharakter der Jünger der Wissenschaft bilden müssen. Eine ernste und tiefe Auf-