Univcrsitatswescn 709
für ihr Gemeinwesen fast ganz erloschen; gleichgültig ertragen sie jeden willkürlichenEingriff der Staatsgewalt in die Rechte ihres Vereins, und unter ihnen selbst fin-det nur selten oder in geringem Grade jene lebendige und innige geistige Gemein-schaft und gegenseitige Mittheilung statt, wodurch theils sie selbst vor einseitigerAbsonderung ihres besondern Faches von dem Ganzen der Wissenschaft bewahrtwerden, theils im Besondern ihre Vorlesungen immer als ein Ganzes zweckmäßigineinandergreifen könnten. Findet doch aus manchen Universitäten gar keine Ver-abredung unter den Lehrern über die Einrichtung und Wahl ihrer Vorlesungen statt,sodaß also Jeder für sich, ohne alle Rücksicht auf die Andern und auf das Ganze,nur sein Fach abgesondert betreibt. Unter den Studircnden dagegen hat sich immereine natürliche Neigung zu einem gemeinsamen und gewissermaßen abgeschlossenenStudcntenleben offenbart, so sehr man auch neuerlich von oben herab störend ein-gegriffen hat, und gewiß hak dieses enge Zusammenleben der Studircnden nichtblos, wie man glauben könnte, dem Vergnügen und den Zerstreuungen gedient,sondern eS hat auch einen lebendigen geistigen Verkehr und Austausch von wissen-schaftlichen Ansichten von den verschiedensten Theilen der Wissenschaft und geistigenEigenthümlichkeiten herbeigeführt, der das Universitätsstudium vor Einseitigkeit undBeschränktheit in Einem wissenschaftlicher Fache zu bewahren, und so die Idee derEinheit und des innigen Zusammenhangs aller Wissenschaften zu erwecken, we-sentlich beigetragen hat. Von diesem Gesichtspunkte können wir den z. B. inder badischen Kammer gemachten Vorschlag, die Jmmalrieulation der Studentenganz abzuschaffen und die akademischen Hörsäle für Jedermann zu öffnen, durch-aus nicht billigen. Es wäre dann nicht nur keine Bürgschaft mehr vorhanden,daß nicht die akademischen Vorlesungen von ganz Unfähigen und Unvorbereitetenbesucht werden, denen sie keinen Nutzen, ja oft selbst Schaden bringen könnten,sondern eS würde dadurch auch die corporative Abgeschlossenheit der Studenten ingewissem Grade aufgelöst, die Einzelnen würden sich leicht in dem bürgerlichenLeben verlieren, was man vielleicht grade als etwas sehr vortheilhastes durch jeneBorschläge beabsichtigt, was aber dennoch vielmehr höchst nachtheilig ist, weil dieStudircnden dadurch jener geistigen Anregung und Mittheilung entbehren, dienur die enge Lebensgemeinschaft mit ihres Gleichen gewähren kann, und weil sienur zu leicht aus dem Gebiete des freien wissenschaftlichen StrebcnS und der Ideale,wozu sie bei den verwandten Jünglingsgcmüthcrn Anregung finden können, durchdas sie umgebende bürgerliche Leben in die Sphäre der gemeinen Wirklichkeit undunmittelbaren Praxis herabgezogen werden.
Hier ist die geeignetste Stelle, den neuerlich gemachten und zum Theil auchschon ausgeführten Vorschlag zu würdigen, die Universitäten in die größer» Resi-denzstädte zu verlegen, den wir, vorzüglich aus dem zuletzt aufgestellten Gesichts-punkte, nur als höchst verderblich für das Wesen der Universitäten betrachten müs-sen. Wir können den größer» Residenzstädten als Sitze der Universitäten nur indem Einen Punkte einen Vorzug vor kleinern Städten zugestehen, daß sie einengroßer» Reichthum an äußern Hülfsmitteln für das wissenschaftliche Studium, anBibliotheken, wissenschaftlichen Sammlungen und praktischen Uebungsanstaltendarbieten, in jeder andern Hinsicht aber müssen wir sie jenen weit nachsetzen. So-wol die Freiheit und Selbständigkeit, als der innere organische Zusammenhang unddie Abgeschlossenheit der Universitäten wird viel leichter den stärker» und mannich-faltigern Einwirkungen, die in größer» Residenzstädten auf sie eindringen, erliegen.Der Regierung und — was noch viel schlimmer ist — selbst dem Hofe wird es vielleichter gelingen, durch die größere Nähe, durch persönliche Einwirkungen aufeinzelneProfessoren, sich Einfluß auf das Univcrfitätswcse» zu verschaffen; die ProfessorenWerden mehr und mehr dieGemeinschast dcrUniversität vcrlasscn, und jeder einzeln seinInteresse außerhalb des Universitätskreiscs zu sichern suchen, und der Gemeingeist