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Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
694
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694 Ungarn in der neuesten Zeit

des katholische» Mittelstandes, denen alles Löbliche nachgesagt wird. Der reicheAdel aller Elaud-nspart-ien hält seinen Kindern Gouvernanten und Hofmeisteroder doch kompetenten während der Schuljahre und bezahlt gut, ja belohnt treueund lange Dienste oft mit Pensionen und lebenslänglicher Nutznießung von Grund-stücken. Im öffentlichen und privaten Unterricht hält man sehr viel auf Prüfun-gen und Censuren und folglich auf das Auswendiglernen, damit die Examinandenkeine Antwort schuldig bleiben, was häufig selbst auf den Hochschulen in ein Pa-pagep,»Wesen ausartet. Auch wird sehr auf Kirchlichkcit der Schuljugend allerClassen gehalten, zumal bei Katholiken und Calvinisten, und zwar mit einemZwange, der zu nichts weniger als wahrer Religiosität führt. Bei den Studiren-Len, wenn sie den sogenannten philosophischen CursuS von drei Jahren mit einan-der gemacht haben, tritt nachher eine scharfe Sonderung der Theologen, Juristenund Mediciner ein, welche von da an ihre besondern Studien haben und auch durchdas weitere akademische Leben sich völlig absondern. Es ist daher und bei der wach-samen Disciplin auf keiner ungarischen Hochschule eben zu fürchten, daß sich unterden Studenten Landsmannschaften und Burschenschaften wie auf den deutschenUniversitäten bilden, und höchstens auf der Bergakademie zum Schemnitz dürfkesich ein burschikoser Geist, und auf der calvinischen Akademie zu SaroS Patak einmisfälliger MagparismuS entwickeln. Wol Raufereien, aber durchaus keine ge-regelten Duelle fallen unter den ungarischen Studenten vor und an einen sogenann-ten Burschencomment ist bei ihnen ebenso wenig als an Bucschenlieder und Com-inerce zu denken, obgleich ein großer Theil, namentlich unter den Juristen, ausEdelleuten besteht, welche durchgehend, sie mögen Arntcr suchen oder nicht, dieRechte auSzustudiren haben, und allerdings geneigt sind die akademische Freiheitzu misbrauchen. Man kann sonach über das jetzige Kirchen- und Schulwesen Un-garns den Satz aufstellen, bei Katholiken, Calvinisten und nicht-unirten Griechenist meistens Stillstand und eS geschehen nicht mehre Fortschritte, als wozu die Ge-walt des Zeitgeistes zwingt; aber bei Lutheranern und Juden erfreut ein lebhaftes,jedoch durch politische Hindernisse erschwertes Vorwärtsgeht!.

Auch in Beziehung auf den Sittcnzustand bewährt sich Ungarn als das Landder Contraste, welche durch Verschiedenheit der Volksstämme und Religionenund durch die Ungleichheit der staatsbürgerlichen Rechte und der Civilisation so festbegründet erscheinen, daß die Einwirkungen des Zeitgeistes der letzten Jahrzehendehier nicht so merklich geworden sind wenigstens nicht in den untern Volksclassen- als in den andern europäischen Staaten. Die Stabilität der politischen Ver-hältnisse deS Landes und dessen physischer Reichthum haben auch in den meistenGegenden eine Fortdauer des Bestehenden in Sitten und Gebräuchen zur Folge ge-habt. Zwar auf den hohen Adel und den begüterten Mittelstand, auf die Literaturund den Gewerbfleiß haben wol die Ergebnisse der bewegten Zeit einigen Einflußgeübt, und wenn auch nicht den Luxus und Geschmack gesteigert, doch modisicirt,und auch der niedere Landadel mit seinen Beamten wird jetzt durch die Bedürfnisseder LebcnSbeq -emlichkeiten und die Leistungen der Künste und Wissenschaften mehrangesprochen als vor 20 Jahren, aber doch nirgend in solchem Maße, daß Natio-nalität und Volkschum dadurch umgewandelt worden wären. Mode und LuxuShaben ihre Gönner und Freunde vermehrt, aber gewiß wenig Götzendiener im Lande,und was dcsfalls vom Auslande herein, zunächst von Wien nach Preßdurg, Pesth,Ofen und in die Hofhaltungen der Großen fließt, verrinnt ziemlich spurlos im In-nern deS ReichS und unter der Menge; ja, so viele Ausländer auch fortwährendeinwandern und so viele Ungarn in den letzten Jahrzehendcn sich in auswärtigenKriegen herumgetrieben haben, so hat dies doch keinen sichtlichen Einfluß auf dieSitten gehabt. Die meisten Fremdlinge acelimatisircn sich und die aus der Fremdeheimkehrenden Eingeborenen wenden sich gern wieder zu den vaterländischen Ge-