692 Ungarn in der neuesten Zeit
geschickt. Allein bis jetzt hak darüber von beiden Orten nichts verlautet und es istim Lande alles beim Alten geblieben, und wird um so weniger jetzt sich ändern, alsinzwischen der eifrigste Beförderer der Sache, der FürstprimaS, gestorben und des-sen Stelle noch nicht wieder besetzt ist. Der Einfluß dieses Prälaten auf das ka-tholische Kirchen- und Schulwesen in Ungarn, welcher nichts weniger als im Geisteder Aufklärung und Duldung sich äußerte, hat sonach aufgehört, und selbst seineLieblingsidee, durch den gigantischen Bau der Domkirche zu Gran sich zu verherr-lichen, ist inS Stocken gerathen, wie auch das Convertitenwesen, worin er eifrigwar, seitdem lauer betrieben wird. Der alte Gang der katholischen Kirche geht inUngarn fort. Wallfahrten und Proresstonen — zumal am Frohnleichnamstageund andern Hochfesten — Frequenz des Gottesdienstes, besonders in der Char-woche und zu andern hohen Festzeiten, häufige Seclmeffen, Opfer und Spenden fürdie Geistlichen und die Armen, bekunden fortwährend den religiösen Sinn des ka-tholischen Volkes in Ungarn und sichern, nächst dem Reichthume der obern Geist-lichkeit, der herrschenden Kirche ihren- äußern Glanz. Das öffentliche katholischeSchulwesen hat seit 10—20 Jahren seinen normalen durch die „Ratio eiioca-tionis" begründeten Zustand weder sichtlich noch wesentlich verändert, allein wasden Privatunterricht betrifft, so ist eS unter den gebildeten Familien häufiger ge-worden, ihn protestantischen Lehrern anzuvertrauen, sodaß die katholische Geistlichkeitdarauf eifersüchtig geworden und sogar obrigkeitliche Verbote dagegen auszuwirkengewußt hat, welche indessen um so weniger gefruchtet haben, als sie auf allerleiArt leicht zu umgehen sind. Wie die Volksschulen aller Religionsparteien, erhei-schen auch die Katholischen und grade sie am meisten Vermehrung und Verbesse-rung. Unter den Akatholiken sind zwar die Calvinisten die zahlreichsten und ver-mögendsten, und ihre Kirchen- und Schulanstalten am besten begabt, aber ihr volks-stämmlicher Egoismus— sie sind meist Magyaren — hält trotz der Presbyterial-Verfassung der orthodoxen und pedantischen Geistlichkeit zu Verfechtung vieler Vor-urtheile noch eine feste Brücke. Dieses kann man von der schwächer,! und är-mern lutherischen Kirche nicht behaupten, obgleich es unter deren ältern Geistlichenviele orthodoxe gibt. In ihr hat sich die Presbyterialverfassung mehr ausgebildetund bildet sich fortwährend mehr aus, und' in ihren Hähern und niedern Schulenzeigt es sich sichtlich und erfreulich, daß die Fortschritte der neuern Pädagogik imAuslande darauf eingewirkt haben und noch einwirken. Hierbei kommt es denLutheranern wie den Calvinisten zu Gute, daß sie, da sie ihre Kirchen und Schu-len lediglich aus eignen Mitteln erhalten, durch oberaufsichtliches Eingreifen derRegierung nicht so leicht in ihren Verbesserungen gehemmt werden, obgleich esnicht ganz ohne Störung abgeht. So z. B. fanden beide protestantische Kirchen1791 es für nöthig, eine Nationalsynode zu veranstalten und gedachten solche ge-meinschaftlich zu halten, allein die Regierung erlaubte ihnen zwar die Synode, abernicht deren Vereinigung. Die Lutheraner hielten daher ihre in Pesth, die Calvi-nisten in Ofen, und auf beiden Seiten kam eS zwischen Orthodoxen und Hetero-doxen in Glaubenssachen, wie zwischen Anhängern alter und neuer Zeit in Verfas-sungsangelegenheiten, zu heftigen Streitigkeiten. Dennoch kamen mehre Syno-dalbeschlüsse zu Verbesserung des Kirchen- und Schulwesens zu Stande und wur-den dem Könige zur Bestätigung vorgelegt, dieser fand jedoch für gut, solche demkatholischen Klerus zur Begutachtung mitzutheilen; aber ungeachtet oder vielleichtin Folge des durch diesen erstatteten Gutachtens ist dennoch darüber seit 40 Jah-ren noch keine Entscheidung ergangen. Wiederholte Gesuche haben bis jetzt nichts ge-fruchtet, und da seit 40 Jahren sich der Protestantismus in vielen Dingen geläu-tert hat, so dürfte den hellen Protestanten mit der Genehmigung der veraltetenSynodaldecrete jetzt nicht viel gedient sein. Man behilft sich indeß mit den altenNormen, gibt sich dringlichen Neuerungen vcmünftig und provisorisch hin und