Ungarn in der neuesten Zeit 691
unzertrennlichem Zusammenhang steht und folglich diesen zum steten Bundesge-nossen macht. Ungarn ist keineswegs mit Geistlichen überfüllt und grade in dessenMittelpunkt, Ofen und Pesth und in andern bedeutenden Städten des Landes, alsDebrezin, Prcßburg, Theresiopol >c. ist nicht einmal ein Bischof auf dem Platzeund die wenigen Klöster vermögen nirgend im öffentlichen Leben ein Übergewichtder Geistlichkeit zu erwirken. Die höhere und niedere Geistlichkeit befindet sich über-all wohl und wird geachtet, aber sie gelangt nirgend zu einem sichtlichen und drücken-den Einfluß auf den geschäftlichen und geselligen Verkehr der Menge. Wol versuchtees der verstorbene Cardinalprimas Alexander von Rudna durch Veranlassung eincrNationalsynode 1822 die Hierarchie in Ungarn wieder zu heben, und sowol seinemKlerus als der Regierung und dem Volke mehr zu imponiren, als ihm gelang undgelingen konnte. Er erwirkte vorn Könige die Vollmacht zu Ausschreibung einerGeneralsynode, und die Beweggründe seines Gesuches waren das täglich höhersteigende Sitkenverderbcn, der Unglauben des Volkes, und das Bedürfnißder ebenso verfallenden Sittlichkeit und Kicchcnzucht der Geistlichkeit Schrankenzu setzen, dagegen aber den allen Glauben, die Frömmigkeit und Sittsamkeit wie-der herzustellen. Die Regierung aber, ihre Obcrherrlichkei! in Kirchensachen fest-haltend, schrieb folgende acht Punkte vor: 1) über die Mittel, die gesunkene Mo-ralität wiederherzustellen, und insbesondere die Zucht der Welt- und Klostergeist-lichen, ja selbst der studirenden Jugend zu erneuern; 2) über die Einführung einergleichförmigen Lehre und Lehrart auf den Hochschulen in den bischöflichen Lehran-stalten; 3) über Beilegung der Streitigkeiten, welche die theologischen Professorenauf der königlichen Hochschule mit einander führen; 4) über die Satzungen, mit-tels welcher die geistlichen Orden mehr der bestehenden ungarischen Kirchenverfas-sung anzupassen wären; 5) über die neue und ersprießliche Herausgabe der ungari-schen Bibelübersetzung von Kaldy; 6) über Herbeischaffung eines Fonds zum Unter-halte von 10 ungarischen Priestern in der höhern theologischen Bildungsanstalt zuWien; 7) über die Zusammenziehung der Messen, welche ehemals bei den geistlichenOrden gestiftet worden, und gegenwärtig dem durch bedrängte Zeiten erschöpften Re»ligionSfondS, wie auch der für die Seclsorge angestellten Geistlichkeit zur Last fallen;8) über die gleichförmigere und zweckmäßigere Bestimmung der bischöflichen Stühleund der geistlichen Gerichte, insofern solche neben den darüber bestehenden ReichS-gesetzen stattfinden können. Sie verlangte zugleich, daß all Dies nach der erfoder-lichen Bearbeitung und gemeinsamen Abstimmung und Schlußfaffung ihr erst zurEinsicht vorgelegt werden müsse, um die königliche Bestätigung zu erhalten, undverlangte auch schnelle Beendigung der Synode. Der FürstprimaS schrieb daheram 1. Jun. 1822 die Synode aus den 8. Sept. desselben Jahres nach Preßburgaus und sendete den Synodalvätern obige acht Synodalpunkte zu. Die Bischöfeveranstalteten sogleich Diöcesansynoden, worin jeder seinen DiöccsankleruS ver-nahm und schickten die so zu Stande gebrachten Gutachten an den Primas ein,wovon, obgleich sie nicht veröffentlicht worden sind, doch so viel bekannt gewordenist, daß sie nicht alle nach dem Sinne deS Hierarchcn ausgefallen sein mögen. DieSynode wurde von 82 Vätern besucht, und in der äußern, ganz der tridenkinerKirchenversammlung nachgebildeten, Form nichts unterlassen, ihr den pomphaftenAnstrich eines Conciliums und einer Einwirkung des heiligen Geistes zu geben,^m Ganzen wurden vier feierliche Sitzungen gehalten, in welchen die durch De-putationen und Generalcongregatiouen vorbereiteten Decrete verlesen und sanclio-nirt, und nebenher vom Primas und mehren Prälaten Reden gehalten wurden,aus welchen; wie aus den Verhandlungen selbst, nicht selten eine gehässige Tendenzgegen den Protestantismus hervorleuchtete. Am 16. Ort. 1822 wurde die Sy-node, welche nicht volle sechs Wochen gedauert hatte, geschlossen, und die Syno-oaldecrete sofort nach Rom und Wien zur Bestätigung der dahin gehörigen Punkte
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