Druckschrift 
Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
651
Einzelbild herunterladen
 

' Türkei seit dem Frieden zu Adrianopel 651.

Schutts und den innern Ausbau, worin 960 Ruthen mit Ziegeln ausgefüt-tert sind, während bei dem altem Werke die Kubikellc 10 Pfund Sterling geko-stet hatte.

Türkei seit dem Frieden zu Adrian opcl(14. Sept. 1829).Das Reich Osmans ist nicht mehr; die hohe ottomanische Pforte wird von Rui-ne» überragt; das alte Gesetz, die alte Sitte, der alte Muth eines Stammes Er-oberer sind von den Ufern des Bosporus entwichen, und auf dem Grabe von Hel-las, auf den Brandstätten von Bpzanz thront die ernste Göttin der Vergeltung,die furchtbare Rächerin der Unthaten des Übermuths, die rhamnusische Göttin.Wir sehen kein oSmanisches Reich mehr; wir sehen nur Mahmud, seinemVolke entfremdet, unter politischer Vormundschaft, und eine Türkei, die nichtasiatisch, nicht europäisch ist; eine Ländermaffe von 47,000 lD Meilen, in welchestolze Vasallen und kühne Empörer sich getheilt haben und noch theilen; einenVölkerhaufen von 23 Millionen zusammengewürfelter Stämme von Barbarenund Sklaven, ohne festen Halt und innere Ordnung, kurz, ein Jammerbild despolitischen Verfalls, eine Wiederholung des dpzanrinischeu Reichs, das »earkloseinschrumpfend dem Grabe zueilt. Krieg ohne Ruhm und Empörung ohne Ende,Willkür ohne Kraft und Reformveisuchc ohne Wurzel: dies ist der Inhalt derGeschichte der Türkei in den letzten fünf Jahren ihres trostlosen Daseins. Und wel-cher Arzt steht am Siechbetre dieses unheilbaren Kranken t Die europäische Di-plomatie.

Erschöpft und gedemüthigt durch den Krieg mit Rußland, rettete Mahmudseine Hauptstadt durch den Frieden zu Adrianopel, der die Donau, den einstwei-ligen Besitz der Fürstenthümer *), Küinastens Grenzen und die Wasserstraßen indas mittelländische Meer den russischen Heeren und Flotten überließ, oder dem rus-sischen Handel und Einfluß öffnete, Griechenlands Freiheir aber und dessen spätereAbgrenzung der Pforte als Gesetz vorschrieb. Kaum schmählichere Friedensbedin-gungen hatten einst vor 400 Jahren, Mahmud's Vorfahren, Bajazct der Blitzund Murad II. dem vorletzten Paläologen bewilligt. Seit jenem Frieden war diePforte als politische Machr vernichtet; in ihrem Innern aber wucherten nun schnel-ler als je alle Keime der Auflösung und Fäulniß. Tausend« von christlichen Fami-lien verließen Rumclicn und die Bulgarei, um sich in Rußland anzusiedeln. DieAlbaneser federten die Waffen in der Hand den schuldigen Sold; in Bosnien, Al-banien und Macedonien tobte der Aufruhr; in Kleinasien brachen Unruhen wegenSteuerdruck aus; in Aleppo erhoben sich die Janitscharen gegen Ali Bei und inKonstantinvpel ward eine geheime Verbindung zum Umsturz der Regierung ent-deckt. Vor Allem galt es, Rußland zu verlohnen; darum wurde Halil Paschamit reichen Geschenken als Gesandter nach Petersburg geschickt. Ihn begleiteteder kluge Nedschib-Effendi. Halil fand günstiges Gehör bei einem großmüthigenMonarchen. (S. Rußland.) Der Pforte wurden drei Millionen Ducaten ander Kriegscontribution erlassen. (Convention vom 15. Mai 1830.) Nun wandtesich Mahmud mit Eifer und Thätigkeit zu seinen Reformcntwürsen. Er versuchteviel, ja alles auf einmal, aber auf ungünstigem widerstrebenden Boden. Wasihm gelang, war Schein und Mode. Er gab sich und seinem Serail den Firnißeuropäischer Sitte"), seinen Truppen europäische Kleiderschnitte, statt des Tur-bans ein rothes Käppchen, und taktische Kurzweil; seinen Hofleuten und dem

') Die Moldau und Walachei bleibe» bis zur Abzahlung der Kriegsbuße vonRußland besetzt und sind es noch jetzt (im März 1834).

*') Del dem glänzenden FriedenS'cste, welches der englische Gesandte am 4. Rov.Isrg auf der Fregatte Blonde gab, fügten sich die ruiki'chen Großen '0 sehr indie europäischen Gebräuche, daß sie Damen zu Tische führt», Gesundheiten aus-brachte», tanzten u. s. n>.