Theiner (Johann Anton — August in) 615
aber nach dem Tode seines Vaters (1813) mit hartem Mangel zu kämpfen, bis er1818 die Universität bezog, wo er, reichlicher unterstützt, der Wissenschaft unge-stört leben konnte und als Amanuensis an der Universitätsbibliothek ein sorgenfreiesLeben sich eröffnet sah. Von 1818 — 21 war unter den Lehrern der katholischenTheologie an der Universität ThaddäuS Dcreser, früher Professor der Theologie inBonn und Freiburg, nachmals Stadtpfarrer in Karlsruhe, der voizüglichste.Seine exegetischen, von aller mittelalterlichen Scholastik freien, Popularität mitGelehrsamkeit verbindenden Vorlesungen und sein in Schriften und Lehrvorträgenhervortretendes Streben nach der Herstellung einer freien deutschen Nationalkirche,sicherten ihm in der einflußreichen Stellung eines Domkaxitulacs und Professorsder Theologie ein- noch jetzt fortdauernde Wirksamkeit auf den Klerus Schlesiens.Die Richtung Dereser's im Gebiete der Wissenschaft und des kirchlichen Lebenswurde diejenige, welche T. seit 1821 mit desto größerm Eifer verfolgte, als das fürdie praktische Bildung der katholischen Geistlichen bestimmte, damals von ihm be-zogene Alumnat mit seinem blos mechanischen Unterricht in den Ceremonien unddem Brevierbeten und der mönchischen Abgeschiedenheit der Alumnen von allemUmgänge mit wissenschaftlich gebildeten und freisinnigen Männern nicht dazu ge-eignet war, in ihm andere, den einmal gefaßten freiern Ansichten entgegengesetzteVorstellungen hervorzurufen. T. wurde 1822 Kaplan zu Zobten am Bober,wo er in dem Propste Scharflnderg, seinem Vorgesetzten, einen edetn, für Ver-besserung des vorzüglich in Schlesien entstellten Kirchenthums begeisterten Mannfand. Durch Dereser's Verwendung wurde T. 1824 als außerordentlicher Profes-sor der Exegese und des Kirchenrechls an die katholisch-theologische Facultät derHochschule Breslau berufen. Vereint mit Dereser, wirkte nun T. zur Verbreitungder den ultramontanischen Grundsätzen feindlich entgegenstehenden Ansicht von derNothwendigkeit einer zeitgemäßen Reform der katholischen Kirche,unier stctcmHin-blick auf die kanvnistischen Principien der gallicanischen und der seit Joseph N. Zeitsich geltend machenden deutsch-katholischen Schule. Seine Schrift: „Die katholi-sche Kirche Schlesiens in ihren Mangeln und Gebrechen dargestellt von einem ka-tholischen Geistlichen" (1. Bd. Altenburg 1826,2.Aufl. 1827,2. Bd. 1830), inwelcher wahr und muthig die Blößen des schlesischen Cultus und der schlesischen Hie-rarchie aufgedeckt waren, erregte unter den Katholiken großes Aufsehen. Dieses Werk,das die Freunde der Aufklärung mit lebhaftem Interesse lasen, wurde in vielen Gegen-schriften angegriffen, und sein anonymer Verfasser, als welchen die Stimme derUn-terrichteten T. bezeichnete, von dem ErzbischofSchimonSkp verfolgt. Die Vorlesun-gen über das Kirchcnrecht wurden ihm von dem preußischen Ministerium mit der Be-merkung untersagt, daß nur ein Doctor des Kirchenrechts solche halten dürfe. Unge-achtet die Juristenfacultät in Breslau T. die Würde eines Doctors des Kirchenrechtsertheilte, wurde diese hohen Ortes wegen Verletzungen der Form, die bei der Pro-motion vorgegangen sein sollten,nicht anerkannt. Wie vielen Anklang, dieser Ver-folgunzen ungeachtet, T.'s Wirken in den Gemüthern der schlesischen Geistlichenfand, zeigte sich, als eine bedeutende Anzahl derselben 1827 in einem ehrerbietigenSchreiben an den Erzbischofdie Gebrechen der katholischen Kirche Schlesiens dar-stellte, und ebenso warm als bescheiden um Abhülfe bat. Die Veranlasste diesesSchrittes, an deren Spitze Aloys Gilga, Pfarrer zu Warthau und Erzpriester desbunzlauer Kreises stand, wurden in öffentlichen Blättern als Schüler Dereser's be-zeichnet. Die begonnene Bahn verfolgte T. im Geiste des würdigen Dereser auchnach dem Tode desselben (16. Jnn. 1827) und vereint mit seinem Bruder Au.,ustin,welcher jedoch den größer« 'Antheil daran hat, gab er das Buch: „Die erzwun-gene Ehelosigkeit der katholischen Geistlichen" (2 Bde., Altenburg > 828 ). heraus.Während T. den Weg der Opposition im Praktischen des Kirchenthums einschlug,verfolgte er den ihm von Dereser gewiesenen Weg im Gebiete der Wissenschaft.