Taubstumme und Taubstummenunterricht 685
Verein. St. v. Nordam. bei 6.000 Taubst. 8 Taubstummenanst. mit 400 Zögt.
Deutschland. - 31.657 - 52 . - - 920 -
Das Königreich Sachsen - 1,168 - 3 - - - 70 -
Preußen. - 8.450 - 16 - - - 270 -
Oestreich. . H.WO - ü - - - 180 -
Baiern. - 2,817 - 8 - - - 70 -
Würtembcrg .... - 1,250 - 4 - - - 60 -
Baden. - 1.870 - 3 - - , 40 -
Hanover. , 975 - 1 - - - 10 -
Braunschweig.... - 132 - 1 - - - 28 -
Da nun aber. wie oben angegeben wurde, bei der Menge von Taubstummen dieerwähnten Anstalten zur Bildung aller bei weitem nicht ausreichen, so werden inmehren Taubstummenanstalten, z. B. in Sachsen, Östreich, Preußen, Baiern,Würtembcrg, Baden, Holland >c. außer dem Unterrichte der gehörlosen Kinder,auch Seminaristen u. a. in der Methode der Taubstummcnuntcrweisung unterrich-tet, wodurch dieselben fähig werden sollen, in ihrem künftigen Wirkungskreise als> Schullehrcr die sich vorfindenden Taubstummen zu unterrichten und sie wenigstenszum nachmaligen Besucheffvlchcr Anstalten vorzubereiten.
Der Taubstummenunterricht wird vorzüglich nach zwei von ein-ander abweichenden Haupkansichten ertheilt, von denen die eine das laute Sprechenfür den wichtigsten Gegenstand des Unterrichts der Taubstummen hält. die anderehingegen die Gebehrdensprache für die Muttersprache derselben ansieht und sich daherbeim Unterrichte auf sie beschränke« zu müssen glaubt. Au der erstem gehören:Pedro de Ponce, Bonet, Pereira, Amman, Raschcl, Wallis, Holder, und vor-züglich Heinickc und Gräser. Ihr folgen bei weitem die meisten deutschen Schulen,mit Ausnahme derjenigen Östreichs. Au der zweiten gehören vorzüglich de l'Epee,Sicard, Guyot und ihr folgen die französischen, spanischen, portugiesischen, ita-lienischen, östreichischen, russischen, polnischen, holländischen, belgischen und vieleenglische und Nordamerikanische Schulen. Amman (geboren 1669, gestorben1724) lehrte die Taubstummen dadurch sprechen, daß er sie daran gewöhnte, aufdie bei jedem einzelnen Laute veränderte Stellung der Örgane des Mundes zu ach-ten, sie mit dem Gesichte aufzufassen und vor dem Spiegel nachzuahmen. Wäh-rend er einen Ton vorsprach, ließ er des Taubstummen Hand an seine Kehle halten,um die zitternde Bewegung zu bemerken, welche darin entstand, wenn er den Tonvon sich gab. Bei dem Nachahmen dieses Tones ließ er dann die Hand an die eigneKehle legen, und gelangte so zum AuSsprcchen von Tönen, welche ein Taubstum-mer durch das bloße Nachahmen drr mir dem Gesichte aufgefaßten Mundstellungcnnicht würde haben hervordringen können. Hcinicke (geboren 1729, gestorben1790) sowol als Gräser haben später seine Methode sehr vervollkommnet. Hei-nicke'S Hauptgrundsätze sind folgende: unsere Sprache ist das Mittel zur Aus-bildung unserer Vernunft, ist Ausdruck und Mittheilung des geistigen Lebens.Der Taubstumme muß zum Denken mit Begriffen, und zwar in unserer Sprach-form, in tönenden oder artikulieren Worten, geleitet werden, wenn er von unslernen, uns verstehen und sich in gleicher Weise uns mittheilen soll. Das Denkendes Taubstummen ohne Unterricht bewegt sich nur in dem Gebiete sinnlicher An-schauung , und die Formen desselben und seine Sprache sind von ihm selbstge-schaffene Gcbchrde». Wir denken aber in artikulirten und tönenden Worten, dadas geschriebene Wort nur die Darstellung des artikulirten für den Gesichtssinn ist.In der Schrift, ohne gleichsam ergänzende Unterstützung der Artikulationen, kannman nicht denken, weil sie, wenn sie abwesend, in der Seele nicht vorstellbar ist,und sie kann auch nie zur Entwickelung der Begriffe bei von Kindheit an Gehör-losen führen, noch Form seines Denkens werden. Heiiücke wollte sein« Zöglinge