604 Taubstumme und Taubstummenunterricht
nicht aufgefunden werden können, muffen solche Mittel erfahrungsmäßig gebrauchtwerde», welche sich bei gleichen oder ähnlichen Übeln bisher als zweckmäßig gezeigthaben. Daher können Aderlässe und Blutegel, Abführungen und Brechmittel,stärkende Arzeneien, alle Arten Dämpfe und Bäder, trockne und Ausschlag erre-gende Reibungen, Blasenpflaster und Fontanelle, Haarseile, Moxa und Brennenmit dem Glüheisen, Fußbäder und andere AdleitungSmittel, Einspritzungen inden äußern und innern Gehörgang, Elektricität und GalvaniSmus, und selbst dieDurchbohrung des Trommelfelle« und de« Warzcnforksatzes in Gebrauch gezogenwerden, und sind auch in einzelnen Fällen mit Nutzen angewendet worden. Frei-lich ist nur dann ein günstiger Erfolg mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten, wenndie Ältern bei Zeiten Mittel zur Herstellung ihrer Kinder anwenden lassen, und jespäter dieses geschieht, um so mehr vermindert sich diese Wahrscheinlichkeit, Im-mer aber sollte man bei solchen Kindern, bevor man sie an die Taubstummeninsti-tute abgibt, erst alle erprobten Mittel versuchen lassen. Noch vortheilhafter würde«S sein, wenn mit jedem Taubstummcninstikute eine Heilanstalt für Eehörkrank-heiten verbunden und ein Arzt dabei angestellt würde, der sich insbesondere mit derHeilung derselben beschäftigte. Dieser müßte dann bei jedem neu aufgenommenenTaubstummen die seinem Zustande entsprechenden Mittel in Anwendung bringen.Würde nun der Zweck der Heilung erreicht, so wäre der Zögling aus der Anstalt zuentlassen, weil er dann durch da« erlangte Gehör in Kurzem die Sprache erlernenund mit ihr allmälig zu einer gleichen Bildung als andere Menschen gelangenkönnte; wären hingegen alle Bemühungen fruchtlos, so bliebe nicht« anders übrig,als daß die unglücklichen Gehörlosen in Taubstummenanstalten durch die Erziehungwenigstens die allernothwendigsten Kenntnisse erlernen und einigermaßen bürger-lich brauchbar gemacht würden.
In Beziehung auf die Geschichte dieser Anstalten verweisen wir auf den Ar-tikel Taubstummeninstitute (Bd, 11) und knüpfen an die dort gegebene»Nachrichten unsere Bemerkungen über die in Beziehung auf den Taubstummen-unterricht in der neuesten Zeit hervorgetrekenen Verhältnisse und über die jetzt be-folgten Unterrichtsmethoden, Für die oben angegebene Zahl der Taubstummenaus der gesummten Erde 568,413 bestehen gegenwärtig etwa 130 Taubstummen-anstalten, worin ungefäßr 3800 Gehörlose unterrichtet werden, und da von die-sen gegen 760 jährlich aufgenommen werden, so folgt, daß leider nur 4 von 100darin gebildet werden. Günstiger gestaltet sich dieses Verhältniß in Europa, wofür 145,131 Taubstumme 122 Anstalten mit 3320 Zöglingen sich befinden, inwelche jährlich ungefähr 660 aufgenommen werden, sodaß wenigstens der achteTaubstumme Unterricht erhält, Dänemark ist der einzige größere Staat, worinnicht nur die Taubstummenanstalten zur Bildung aller vorhandenen Gehörlosenhinreichen, sondern auch in der That jeder Bildungsfähige Unterricht erhält, übri-
gens hat ungefähr
Portugal.bei 1,950 Taubst. 1 Taubstummenanstalt mit 20 Zögl,
Spanien. - 7,150 - 1 - - - 30 -
Frankreich. -208,000 - 28 - - '"50 -
Italien . - 13,000 - 5 - - -150 -
die Schweiz. - 4,000 - 5 - - - 70 -
Ungarn. - 6,139 - 1 - - » 40 -
die Niederlande ... - 3,900 - 5 - - -220 -
Dänemark. 1,260 - 2 - - -180 -
Schweden u, Norwegen - 2,740 - 1 - - - 40 -
das-urop, Rußland . - 28,677 - 2 - - -120 -
Polen. - 2,405 - 1 - - - SO -
die britischen Inseln . » 13,650 - 11 - - >480 -
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