Druckschrift 
Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
603
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Taubstumme und Taubstummenunterricht 60 Z

verliert, während dasselbe für einen hörenden Menschen eine reiche Quelle seinergeistigen Erkenntniß wird. So geht ein Wesen hervor, welches zwar äußerlich inSitten und Gebräuchen dem gebildeten Menschen gleicht, aber in seinem Innerndie ganze Rohheit und Unwissenheit eines Wilden behalten hat, da die Gesetze undVerhältnisse der Gesellschaft ihm ganz unbekannt sind. Der unglückliche Taub-stumme kann alle die Mittel nicht benutzen, wodurch Hörende diese Begriffe er-langen; in seiner tiefen Unwissenheit sieht er ohne geistigen Nutzen die Thatsachen,welche ihm Licht über Alles geben können. Diese Folgen gehen zwar unvermeid-lich aus dem Mangel des Gehörs hervor, weil dadurch die nothwendige Ausbildungsehr erschwert wird, und insofern stehen allerdings die Taubstummen aus einer nie-drigern Bildungsstufe als andere Menschen. Dessenungeachtet aber besitzen siedie Fähigkeit, sich zu vervollkommnen in einem nicht geringen Grade, da die un-vollkommene Entwickelung der geistigen Fähigkeiten derselben nur von ihrer Ver-einzelung herkommt. Ihre Organisation weist sie darauf hin, mit den Augen zuhören und mit den Fingern zu reden, daher befinden sie sich unter hörenden undredenden Menschen wie in einer Einöde. Wollte man wissen, inwiefern sie fähigwären, es uns gleich zu tbu», so müßten sie als Taube unter Taubstummen erzo-gen werden, und wahrscheinlich würde sich dann bald unter ihnen ein geselliger Ver-ein bilden, welcher durch die Zeichensprache und die mit ihr in Verbindung stehendeSchriftsprache gewiß ebenso schnell als jede andere Vereinigung von Menschen zurBildung gelangen würde. Nach dem Angegebenen bleibt der ganz ungebildeteTaubstumme, in welchem'Alter er sich auch befinden mag, beständig in einer gänz-lichen Unmündigkeit und Unzurechnungsfähigkeit. Ist er hingegen gebildet, sovermindern sich dieselben nach dem erlangten Grade seiner Ausbildung, und sind seinegeistigen Fähigkeiten in vollkommenem Grade ausgebildet, so hat er alle Rechte undPflichten hörender und sprechender Menschen. Blödsinn oder andere Geistesstö-rungen kommen bei der durch Krankheiten entstandenen Taubstummheit häufigvor und treten auch oft erst später zu ihr hinzu. Mit der angeborenen Gehörlosig-keit hingegen findet man dieselben nur selten verbunden. Während es sehr seltenist, blindgeborene Kinder zu finden, und man fast kein Beispiel von angeborenemMangel des Geruchs und Geschmacks, oder von gänzlichem Mangel des Tastsin-ne« kennt, trifft man überall sehr häufig Taubstumme an. Genauen Zählungenzufolge kommen sie in GebirgSländern, wo enge Thäler von hohen Bergen einge-schlossen sind, z. B. in der Schweiz und in Savopen, sehr häufig vor. Zm Can-ton Bern namentlich findet sich schon auf 1S5 Einwohner ein Taubstummer, oderderen 5128 auf eine Million. Im Allgemeinen aber hat sich bis jetzt ergeben, daßman wenigstens 65V auf eine Million oder aus 1589 Menschen einen Taubstum-men rechnen kann. Nimmt man nun dieses Verhältniß als allgemein gültigenMaßstab an, so würden in Europa, welches von ungefähr 214 Millionen Men-schen bewohnt ist, 145,131 Taubstumme, und auf der ganzen Erde, deren Be-wohnerzahl man auf 850 Millionen schätzt, 568,413 vorhanden sein. Nachgenau angestellten Zählungm übertrifft die Zahl der männlichen Taubstummenbeständig die der weiblichen. In Sachsen sind sie im Verhältniß wie 4 : 3. Ausdem, was über die Ursachen der Taubstummheit gesagt worden ist, erhellt, daß dieHrbung der Stummheit durch die Wiederherstellung des Gehörs bedingt ist. Die-ses ist aber immer sehr schwer wiederherzustellen, weil die Taubheit ihrer Naturnach unheilbar sein kann und weil sie auch in Fällen, wo sie heilbar ist, meist erstdann entdeckt wird, wenn der Fehler schon cingewurzilt ist. Der Erfolg der Curist um so unsicherer, da der Taubstumme uns über die Ursachen seiner Gehörlosig-keit fast nie die geringste Auskunft geben kann, und mir daher meist über die Na-tur des Übels im Dunkeln bleiben müssen. Die Behandlung derselben muß sichganz wie diejenige anderer Krankheiten nach den Ursachen richten, und erst wo diese